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Gefährdungsbeurteilung: Mehr Übersicht und Klarheit durch die neue ASR

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ASR V3 Gefährdungsburteilung

Im Juli 2017 ist die ASR V3 Gefährdungsbeurteilung im Gemeinsamen Ministerialblatt erschienen und damit in Kraft getreten. Lesen Sie im Folgenden, was es mit dieser neuen Technischen Regel auf sich hat. ASR ist die Abkürzung für das Technische Regelwerk zur Arbeitsstättenverordnung ( ArbStättV). Die sogenannten Technischen Regeln für Arbeitsstätten konkretisieren die Anforderungen der ArbStättV auf dem Stand der Technik. Bisher wurden etwa 20 Arbeitsstättenregeln veröffentlicht, die sich je einem bestimmten Arbeitsschutzaspekt von Arbeitsstätten widmen, wie den Fußböden, der Lüftung, der Beleuchtung oder den Verkehrswegen.

Gefährdungsbeurteilung & ASR: So sind Sie auf der sicheren Seite

Gut zu wissen ist, dass eine ASR die sogenannte Vermutungswirkung auslöst. Dies bedeutet Folgendes:

  • Wenn Sie die konkreten Vorgaben einer ASR in Ihrem Betrieb einhalten, geht der Richter in einem Rechtskonflikt davon aus (er „vermutet“), dass Sie damit die entsprechenden allgemeineren Anforderungen der Arbeitsstättenverordnung erfüllt haben.
  • Wenn Sie von den Vorgaben einer ASR abweichen, ist das nicht automatisch ein Rechtsverstoß. Sie müssen dann aber nachweisen können, auf welche Art und Weise Sie mit Ihren eigenen Maßnahmen ein mindestens genauso hohes Schutzniveau sicherstellen.

In der neuen ASR V3 – Sie finden den Download auf dem Portal der BAuA unter www.baua.de – geht es um die Durchführung der  Gefährdungsbeurteilung beim Einrichten und Betreiben von Arbeitsstätten nach § 3 ArbStättV. Explizit wird die Gefährdungsbeurteilung als das Mittel zum Beurteilen der Arbeitsbedingungen und dem Festlegen von Schutzmaßnahmen genannt, so wie es das Arbeitsschutzgesetz verlangt. Suchen Sie hier einfach nach einem Beispiel, einer Vorlage oder einem Muster zur Gefährdungsbeurteilung, wenn Sie sich näher für die Umsetzung interessieren.

Die wichtigsten Vorschriften der neuen ASR zur Gefährdungsbeurteilung

Die gute Nachricht ist, dass durch die neue ASR V3 keine grundsätzlich neuen Anforderungen an die Gefährdungsbeurteilung hinzukommen. Wer bisher seine Gefährdungsbeurteilungen sorgsam erstellt hat, muss keinen zusätzlichen Aufwand befürchten. Der Nutzen der ASR V3 liegt darin, dass nun viele Einzelaspekte geordnet und auf 20 Seiten zusammengefasst vorliegen.

Dies sind die zentralen Anforderungen an Gefährdungsbeurteilungen nach der ASR V3: Die Gefährdungsbeurteilung muss

  • systematisch durchgeführt werden, und zwar beim Einrichten und beim Betreiben von Arbeitsstätten.
  • fachkundig durchgeführt werden. Bei fehlender eigener Fachkunde muss der Arbeitgeber sich extern fachkundig beraten lassen.
  • vor Aufnahme der Tätigkeit durchgeführt worden sein.
  • dokumentiert werden.
  • überprüft und bei Bedarf aktualisiert werden.

Auffallend ist, dass die ASR V3 zwischen einer Gefährdungsbeurteilung für das Einrichten und einer für das Betreiben einer Arbeitsstätte unterscheidet. Ersteres soll sicherstellen, dass der Arbeitsschutz schon beim Planen von Arbeitsstätten integriert wird. Das betrifft die ergonomische Ausstattung, die Barrierefreiheit, das Kennzeichnen von Gefahrstellen wie auch das Berücksichtigen von Abnutzungserscheinungen und Wirkungsgradverlusten von beispielsweise Maßnahmen zur Lüftung oder Beleuchtung.

Ohne entsprechende Fachkunde keine Gefährdungsbeurteilung

Das Kriterium „Fachkunde“ ist hier nicht einer bestimmten Qualifizierung zugeordnet. Es gibt weder einen zu absolvierenden Lehrgang zum Beauftragten für Gefährdungsbeurteilungen noch einen  Gefährdungsbeurteiler-Schein“ analog zum Stapler- oder Schweißerschein. In vielen Fällen dürfte die Sifa fachkundig sein, ebenso der Betriebsarzt sowie Führungskräfte. Die Fachkunde muss nicht in einer einzigen Person vereinigt sein – suchen Sie sich ggf. eine interne oder externe  Unterstützung.

Zur Fachkunde gehört, dass der Gefährdungsbeurteiler die zu beurteilenden Tätigkeiten und die zu beurteilende Arbeitsstätte konkret kennt. Das bedeutet, dass eine Gefährdungsbeurteilung nicht „per Ferndiagnose“ stattfinden kann oder allein auf dem Abhaken irgendwelcher Checklisten beruhen darf. Es geht immer um die konkreten Arbeitsbedingungen an einem konkreten Arbeitsplatz in einem konkreten Unternehmen an einem konkreten Ort.

10 Schwachstellen von Gefährdungsbeurteilungen, die Sie vermeiden sollten

Es gibt keine vorgeschriebenen Formulare oder Dateiformate für Gefährdungsbeurteilungen. Sie können hier frei wählen vom handgeschriebenen Block bis zur komplexen Software. Selbst wenn Ihr Vorgehen sich als ungeschickt oder mühsam herausstellt, ist das immer noch besser, als wenn Sie nichts unternehmen!

Für eine rechtssichere, effiziente und nachvollziehbare Gefährdungsbeurteilung sollten Sie daher die folgenden Fehler vermeiden.

  1. Kein eindeutiger Bezug: Stellen Sie klar, um was es geht: um die Beurteilung der Gefährdungen in einem bestimmten Arbeitsbereich, an einer bestimmten Maschine oder mit einem bestimmten Gefahrstoff?
  2. Keine Akteure genannt: Wer hat die Gefährdungsbeurteilung vorgenommen? Wer war daran beteiligt? All dies sollte nachvollziehbar belegt sein.
  3. Eingeschränkte Risikobetrachtung: Auch wenn die Maschinensicherheit in Ordnung ist, Betriebsanweisung vorhanden sind und die Schutzeinrichtungen bestens funktionieren, müssen Sie auch z. B. den Lärmschutz beachten.
  4. Mangelnde Fachkunde: Als Fachkraft für Arbeitssicherheit können Sie kaum in allen Gefährdungstypen ein Experte sein. Scheuen Sie sich daher nicht, bei eher speziellen Risikobereichen (Gefahrstoffe, Strahlung, Nanomaterialien, psychische Fehlbelastungen) fachkundige Hilfe in Anspruch zu nehmen wie Betriebsarzt, Gefahrgutbeauftragter, Laserschutzbeauftragter usw. oder sich an Ihre Berufsgenossenschaft oder Unfallkasse zu wenden.
  5. Vergessen: Randbereiche und unplanmäßige Situationen: Risiken lauern nicht nur dort, wo ständig oder häufig gearbeitet wird: Vergessen Sie nicht Nebenräume, Keller, eine hintere Ecke im Lager, das Außengelände, eine Garage etc. Betrachten Sie nicht nur die typischen Arbeitsgänge im Routinebetriebe. Auch Gefährdungen beim Reinigen von Maschinen, beim Warten einer Anlage, bei Reparatur eines Elektrowerkzeugs, bei einer Störung oder Alarm müssen ermittelt werden.
  6. Fehlende Zuordnung von Aufgaben und Verantwortlichen: Halten Sie fest, wer welche Aufgaben übernimmt und wer auf welche Weise die Wirksamkeit der festgelegten Maßnahmen prüft.
  7. Unklare Schutzziele: Dass eine Tätigkeit sicherer, gesundheitlich weniger riskant usw. werden soll, ist selbstverständlich, aber noch kein Schutzziel. Machen Sie möglichst konkrete Angaben, was sich durch Ihre Maßnahmen verändern soll.
  8. Fokussieren auf akute Mängel: Eine Gefährdungsbeurteilung dient nicht dazu, Versäumnisse aufzulisten. Inakzeptable Zustände wie verstellte Fluchtwege oder ablegereife Schutzausrüstungen müssen sofort abgestellt werden. Die Gefährdungsbeurteilung geht weit über solche akuten Mängel hinaus und sucht systematisch Schwachstellen und Restrisiken.
  9. Unvollständige Dokumentation: Es geht nicht darum, viel Papier zu erzeugen. Überlange Dokumente machen eine Gefährdungsbeurteilung nicht besser. Achten Sie auf eine nachvollziehbare Struktur, sodass auch, wenn Sie nicht verfügbar sind, ein anderer sich schnell zurechtfindet. Nutzen Sie Verweise auf bereits vorliegende Dokumente wie Protokolle von Betriebsbegehungen, Sicherheitsdatenblätter, Betriebsanleitungen von Maschinen, Messprotokolle usw.
  10. Fehlende Aktualisierung: Umbauten, Renovierungen, Betriebserweiterungen, Zukauf oder Auslagerung eines Betriebsteils, veränderte Arbeitsabläufe, Wechsel bei den Arbeitsmethoden, neue Werkstoffe, neue Maschinen, andere Werkzeuge … all das ist Grund und Anlass, Ihre Gefährdungsbeurteilung zu überprüfen. Damit muss nicht zwangsläufig ein großer Aufwand verbunden sein. Gehen Sie die betreffenden Gefährdungsbeurteilungen durch und notieren Sie sicherheits- und gesundheitsrelevante Veränderungen der Situation und was daraus folgt. Dabei geht es nicht nur um das Entdecken neuer Risiken. Halten Sie auch positive Entwicklungen und konkrete Verbesserungen fest. Wurde bei einem Umbau der Werkshalle auf Schallschutz geachtet oder eine neue Maschine möglichst lärmarm ausgewählt, können möglicherweise Gehörschutzmaßnahmen erleichtert werden. Konnten Sie ein aggressives Lösungsmittel durch eine ungefährlichere Alternative ersetzen, werden andere Schutzhandschuhe notwendig oder müssen weniger häufig gewechselt werden. Ihre Gefährdungsbeurteilung ist nur aktuell und wirksam, wenn Sie all solche Veränderungen erfassen.

Nehmen Sie die 10 genannten Punkte ernst!

Spätestens nach einem Arbeitsunfall müssen Sie gegenüber Behörden und Ihrem Unfallversicherer nachweisen, dass Sie eine  Gefährdungsbeurteilung durchgeführt haben und dass diese dokumentiert vorliegt. Ist das nicht der Fall, drohen Bußgelder. Ist die Gefährdungsbeurteilung nicht richtig, nicht vollständig oder nicht rechtzeitig dokumentiert, wird im Regelsatz ein Bußgeld von bis zu 3.000 € verhängt. Fehlen aufgrund dessen entsprechende Sicherheitsmaßnahmen, kann das eine Strafe von bis zu 5.000 s nach sich ziehen – von weiteren Folgekosten, Regressforderungen und Haftungsfragen ganz abgesehen.

Im Zusammenhang mit der Gefährdungsbeurteilung bei psychischer Belastung und der Gefährdungsbeurteilung zum Mutterschutz beziehungsweise Schwangerschaft könnte dieser Artikel für Sie auch interessant sein, um das Arbeitssicherheitsgesetz einzuhalten und sich über die Neuheiten zum Mutterschutz ab 2018 zu informieren.

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 Autor: Dr. Friedhelm Kring

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