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Gefährdungsbeurteilung Leitern: So wählen Sie die richtige Leiter aus

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Gefährdungsbeurteilung Leitern

Stürze von Leitern zählen zu den häufigsten Ursachen für Arbeitsunfälle. Technische Mängel spielen dabei nur eine geringe Rolle. An den meisten Unfällen ist der fehlerhafter Umgang mit Leitern schuld, etwa durch unebenes Aufstellen oder zu flaches Anlehnen einer Anlegeleiter. In vielen Fällen kommt es jedoch auch deshalb zu Unfällen, weil eine Leiter für die jeweilige Tätigkeit ungeeignet bzw. nicht sicher genug ist. Dieser Beitrag hilft Ihnen, für jede Aufgabe die richtige Leiter auszuwählen.

Um eine Gefährdungsbeurteilung für Leitern und Tritte durchführen zu können, sollten Sie  zunächst ermitteln, ob und unter welchen Voraussetzungen eine Leiter für eine bestimmte Tätigkeit eingesetzt werden darf oder ob nicht ein anderes Arbeitsmittel, z. B. ein Podest, für die anstehende Aufgabe sicherer ist. Das folgende Schema hilft Ihnen bei der Ermittlung.

Schema für die Auswahl geeigneter Arbeitsmittel:

  • Arbeitsaufgabe und wichtige Rahmenbedingungen?
  • Welche Arbeitsmittel kommen in Betracht, um die Aufgabe zu bewältigen?
  • Welche Gefährdungen können bei den möglichen Arbeitsmitteln auftreten?
  • Wie sind die jeweiligen Risiken zu bewerten?
  • Bei welchem Arbeitsmittel ist das verbleibende Restrisiko am geringsten?

Diese 2 Beispielfälle zeigen, wie Sie das Auswahlschema richtig anwenden:

Fall 1:

Arbeitsaufgabe: In einem Baumarkt müssen Beschäftigte regelmäßig Handwaschbecken (Gewicht: 7 kg) in die zweite Regalebene (Höhe: 2 m) ein- und auslagern.

Denkbare Arbeitsmittel Elektrogabelstapler mit Arbeitskorb oder Leitern unterschiedlichen Typs
Rahmenbedingungen Höhenunterschied: gering

Dauer: kurz (bis zu 20 Minuten)

Häufigkeit: gelegentlich (1- bis 2-mal wöchentlich)

Umgebungsbedingungen: Arbeitsumgebung gut übersehbar, keine plötzlich unerwarteten Gefährdungen

 

Ergebnis: Wählen Sie eine einseitig besteigbare Podestleiter als Sonderform der Stehleiter.

Vorteile: Der Aufstieg weist eine vergleichsweise geringe Neigung auf; durch den Armkontakt am Seitengeländer können die Beschäftigten die relativ schweren und sperrigen Waschbecken sicher nach oben (und nach unten) transportieren. Von der großen Plattform aus lassen sich die Waschbecken gut handhaben. Sie ist – mit Ausnahme des Zugangs – durch ein Geländer mit Handlauf, Knie- und Fußleiste umwehrt, sodass die Gefahr von Abstürzen weitestgehend auszuschließen ist. Die für Leitern zulässige Belastungsgrenze von insgesamt 150 kg wird bei weitem nicht überschritten. Bei „normalen“ Stehleitern wäre das Auf- und Absteigen aufgrund des steileren Neigungswinkels und des fehlenden Seitengeländers nur mit deutlich höherem Risiko möglich. Durch das fehlende Podest wäre die Handhabung der Waschbecken zudem ebenfalls gefährlicher. Sie scheiden daher für diese Aufgabe aus. Was gegen andere Leitern spricht: Aus denselben Gründen kommen auch Anlegeleitern hier nicht in Betracht. Darüber hinaus bestünde beim seitlichen Hinauslehnen während des Einräumens in das Regal Umsturzgefahr, was das Risiko nochmals erhöht. Alternativ zur Podestleiter ist auch der Einsatz eines Gabelstaplers mit Arbeitskorb denkbar. Er bietet dann Vorteile, wenn sperrige und/oder schwere Gegenstände in ständig wechselnden Höhen eingelagert werden müssen, wobei auch der mühsame Aufstieg mit der Ware entfällt. Bei der Risikobewertung müssen Sie jedoch auch die Gefährdung der Kunden bei der An-/Abfahrt des Staplers in den Verkaufsraum (Gangbreiten!) berücksichtigen.

Fall 2:

Arbeitsaufgabe: Beschäftigte müssen ein Warmluftgebläse einschließlich der erforderlichen Konsole in 6 m Höhe an einer Lagerhallenwand montieren.

Denkbare Arbeitsmittel Gerüst, Hubarbeitsbühne oder Podestleiter
Rahmenbedingungen Höhenunterschied: mittel bis hoch

Dauer: mehrere Stunden

Häufigkeit: einmalig Umgebungsbedingungen: kritisch, da ständiger Lagerverkehr

 

Ergebnis: Hier scheidet der Einsatz einer Leiter, auch einer entsprechend großen und damit standsicheren Podestleiter, aus. Die Gründe hängen u. a. mit den Abmessungen und dem Gewicht des Gebläses sowie der Zeitdauer der Montage zusammen. Besser geeignet ist in diesem Fall eine (Leih-)Hubarbeitsbühne, da diese Arbeit in dem Betrieb nur einmal anfällt. Demgegenüber birgt der ebenfalls denkbare Einsatz eines Gerüsts aufgrund der zusätzlichen Gefahren beim Auf- und Abbau vermutlich ein höheres Risiko.

Bauarten von Leitern und wichtiges Sicherheitszubehör

Wenn Sie sich nach sorgfältigem Abwägen der Vor- und Nachteile der infrage kommenden Arbeitsmittel zugunsten einer Leiter entschieden haben, müssen Sie auch die damit noch verbundenen Restrisiken bewerten. Dazu müssen Sie mit den jeweiligen bauartbedingten Eigenschaften und Gefahrenquellen der unterschiedlichen Leitertypen vertraut sein. Auch das unterschiedliche Zubehör zur Erhöhung der Standsicherheit sollten Sie kennen. Manchmal passt es nur bei Leitern eines Herstellers, oft ist es aber auch universell zusammen mit Leitern anderer Hersteller verwendbar. Im Folgenden stellen wir Ihnen die wichtigsten Leiterbauarten und dazu passend bewährtes Zubehör vor:

  • Schiebeleitern sind im eingeschobenen Zustand kompakter als Anlegeleitern. Sie können sie zudem besser transportieren und platzsparender lagern.
  • Seilzugleitern (Schiebeleitern mit Seilzug) eignen sich für den kurzzeitigen Einsatz in größeren Höhen. Gegenüber Schiebeleitern ohne Seilzug lassen sie sich einfacher und sicherer aufstellen.

Sicherheitszubehör für Anlege- und Schiebeleitern:

  • Schwenkbare Füße mit profiliertem Gummibelag verringern die Gefahr des Wegrutschens
  • einseitige Holmverlängerungen gleichen Höhenunterschiede aus
  • Anlegeverbreiterungen, zum Teil mit Ablageschale für Kleinteile und Werkzeug, erhöhen die seitliche Standsicherheit.

Rollleitern (auch Regalleitern genannt, da sie auf Schienen vor Regalen verfahrbar sind) sind ortsgebunden und eignen sich gut für die stationäre Benutzung bei der Lagerung von Kleinteilen. Durch den Eingriff des oberen Fahrwerks in die Laufschiene können sie nicht umstürzen und benötigen daher kein Zubehör zur Verbesserung der Standsicherheit.

Stufenstehleitern mit Plattform bieten ebenfalls einen bequemen Stand auf Stufe und Plattform und sind gegenüber Podestleitern leichter zu transportieren.

Beidseitig besteigbare Stehleitern sind ebenfalls leicht zu transportieren und gut für Über-Kopf-Arbeiten geeignet, wenn diese in der Grätschstellung von der jeweils drittobersten Stufe bzw. Sprosse ausgeführt werden.

Sicherheitszubehör für Stehleitern:

  • Ein- bis 4-seitige Holmverlängerung zum Höhenausgleich; damit wird das Arbeiten von beidseitig besteigbaren Stehleitern auch in Treppenhäusern möglich.

Podestleitern können ein- oder beidseitig besteigbar sein. Sie weisen eine große, umwehrte Plattform, einen vergleichsweise flachen Aufstieg mit Stufen und ab 1 m Höhe auch Seitengeländer auf. Gegenüber anderen Stehleitern besitzen sie eine erheblich höhere Standsicherheit.

Setzen Sie bei niedrigen Höhen Tritte ein

Bei niedrigen Standhöhen bis zu 1 m sollten Sie Tritte, zu denen Leitertritte, Tritthocker, Rolltritte und Treppentritte zählen, bevorzugen. Im Gegensatz zu Stehleitern ohne Plattform dürfen Sie Leitertritte auch ganz oben besteigen, da deren Deckstufen breiter sind als die von Stufenstehleitern.

Gefährdungsbeurteilung Leitern: So geht’s

Die Betriebssicherheitsverordnung ( BetrSichV) schreibt vor, dass Arbeitgeber eine Gefährdungsbeurteilung für die Arbeitsmittel durchführen müssen, die die Beschäftigten bei der Arbeit benutzen. Dabei müssen Sie nicht nur die Gefährdungen berücksichtigen, die mit dem jeweiligen Arbeitsmittel selbst verbunden sind, sondern auch solche, die durch Wechselwirkungen der Arbeitsmittel untereinander oder mit Arbeitsstoffen oder der Arbeitsumgebung hervorgerufen werden. So kann es z. B. verhängnisvolle Folgen haben, wenn eine „an sich“ sichere Leiter in einem engen Verkehrsweg von einem „an sich“ sicheren Gabelstapler angefahren wird. Der folgende 2-stufige Ablauf verdeutlicht Ihnen den roten Faden, nach dem Sie die Gefährdungsbeurteilung (auf der Basis des Anhangs 1 Nr. 3 BetrSichV) vornehmen sollten:

1. Schritt: Ermitteln Sie zunächst die Gefährdungen

Berücksichtigen Sie dabei diese wichtigen Gefahrenquellen und Kriterien:

Gefährdungen durch   Beispiele für Gefährdungen:
Die Arbeitsweise ·Hoher Kraftaufwand

·Hohes Gewicht und unhandliche Größe mitzunehmender Gegenstände (Werkzeuge, Ware usw.) und z.B. zu montierender Gegenstände

·Körperhaltung

Den Höhenunterschied ·Über 1 m: Stabilität und Bauart von leitern wichtig; falls nicht ausreichend, Hubarbeitsbühne oder Gerüst verwenden

·Bis 1 m: Einsatz von Tritten bevorzugen

Die Dauer des Einsatzes ·Lang: Leitern eher nicht zulässig, besser Gerüst, Hubarbeitsbühne bzw. Arbeitskorb wählen

·Kurz: Leiter kann zulässig sein (wenn andere Gefährdungen dem nicht entgegenstehen)

Die Häufigkeit ·Hoch: bei Tätigkeiten am gleichen Ort (z.B. beim Zugang zu Lagerzwischenbühnen) besser fest montierte Aufstiege (Treppe, Treppenleiter) bzw. fixierte Anlegeleiter wählen, bei Regalbedienung besser ortsgebundene Anlegeleiter (Regalleiter) oder Podestleiter wählen

·Niedrig: Leiter kann zulässig sein (wenn andere Gefährdungen dem nicht entegenstehen)

Die Umgebungsbedingungen ·Bodenbeschaffenheit (uneben, rutschig, nachgiebig) à Leiterzubehör einsetzen

·Witterung (Regen, Sturm, Glätte) à Sicherung durch 2. Person

·Innerbetrieblicher und öffentlicher Verkehr à organisatorische Maßnahmen erforderlich, z.B. Absperrung des Arbeitsbereichs

·Nähe von beweglichen Anlageteilen à Abschalten oder Leiter aus isolierendem Material einsetzen

·Nähe zu Absturzkanten à Sicherung durch 2. Person

 

2. Schritt: Bewerten Sie die Gefährdungen

Berücksichtigen Sie bei der Bewertung diese Fakten:

  • Die zur Balance auf der Leiter erforderliche Konzentration und körperliche Anstrengung lassen längeres Arbeiten auf Leitern, insbesondere auf Anlageleitern, nicht zu. Faustregel: Leiterarbeiten dürfen nicht mehr als 2 Stunden dauern.

Ein eher geringes Risiko können Sie dann unterstellen, wenn die Arbeiten auf der Leiter kurzzeitig erledigt werden können und ohne waghalsige Körperhaltungen wie dem seitlichen und rückwärtigen Hinauslehnen möglich sind. Je bequemer der Stand auf der Leiter (z. B. auf einer Plattform) ist, desto länger ist das Arbeiten zumutbar.

Beispiele für Leiterarbeiten mit geringem Risiko sind etwa das Anbringen von Kennzeichnungen und Preisschildern, das Auswechseln von Leuchtmitteln oder kleinere Spachtel- und Anstricharbeiten.

  • Das höhenabhängige Risiko hängt sicherlich mit der Wahrnehmung der Absturzgefahr zusammen. Während diese bis 2 m Höhe subjektiv als eher gering eingeschätzt wird, hängt sie mit zunehmender Höhe von der Durchbiegung und dem Schwanken und damit auch von der Qualität der Leiter ab. Bei Höhen von mehr als 7 m sollten Sie nicht mehr von angelegten Leitern aus arbeiten, da mit zunehmender Höhe deren Durchbiegung und Bewegung (Schwingung) beim Besteigen und damit das Absturzrisiko erheblich zunehmen.
  • Wenn Sie auf der Grundlage Ihrer Bewertung zu dem Schluss kommen, dass Leitern für die auszuführenden Arbeitsaufgaben – auch im Vergleich zu anderen Alternativen – eine ausreichende Sicherheit bieten, müssen Sie nun den am besten geeigneten Leitertyp auswählen.
  • Angelegte Leitern (Anlege- /Schiebe-, Mehrzweckleitern) können als gelegentlicher Zugang zu hoch gelegenen Arbeitsplätzen verwendet werden.

Wird die Anlegeleiter als Zugang z. B. zu einer erhöht liegenden Lagerfläche jedoch ständig benötigt, prüfen Sie, ob hier nicht ein fest angebrachter Aufstieg (günstigstenfalls eine Treppe) vorgesehen werden kann. Scheidet diese etwa aus Platzgründen aus, sollten Sie die nächstbeste Lösung in Form einer eingehängten Stufenanlegeleiter mit Seitengeländer (Treppenleiter) wählen.

  • Müssen Sie Leitern auch im Außenbereich einsetzen, benötigen Sie bei festem Untergrund (Pflasterfläche, Beton) und besonders bei großen Leitern ggf. Zubehör wie etwa Holmverlängerungen, um das jeweilige Gefälle auszugleichen. Um die Standsicherheit bei gewachsenem Boden (Rasenflächen usw.) sicherzustellen, können Sie stabile Schaltafeln o. Ä. unterlegen.

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Autor: Rafael de la Roza

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