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Manipulation von Schutzeinrichtungen

© Halfpoint – Shutterstock
Schutzeinrichtung

Dass Mitarbeiter versuchen, Schutzeinrichtungen an Maschinen auszutricksen, ist kein neues Phänomen. Die Berufsgenossenschaften warnen immer wieder vor den dadurch massiv erhöhten Unfallgefahren. Doch die Unfallstatistiken belegen, dass dieses Risiko in vielen Betrieben immer noch unterschätzt wird. Lesen Sie im Folgenden, was Sie als Arbeitsschützer dazu beitragen können, den Manipulationsanreiz so gering wie möglich zu halten.

Zunächst eine wichtige Begriffsklärung: Manipulieren bedeutet im  Zusammenhang mit Schutzfunktionen von Maschinen und Anlagen nicht nur ein kleines Verändern durch Herumbasteln. Als Manipulation gilt jede Aktion,

  • die eine Schutzeinrichtung unwirksam macht oder in ihrer Funktion beeinträchtigt.
  • die es erlaubt, eine Maschine ohne die vom Hersteller vorgesehenen und notwendigen Schutzeinrichtungen zu betreiben.
  • die eine Maschine in einer Weise einsetzt, die vom Konstrukteur so nicht vorgesehen ist (Bedienungsanleitung!).

Warum und auf welche Weise Schutzeinrichtungen manipuliert werden

Als Motivation für das Manipulieren an Schutzeinrichtungen am häufigsten genannt werden: vermeintlich leichteres oder zügigeres Arbeiten, Bequemlichkeit, Zeitdruck und schlechte Ergonomie. Besonders häufig manipuliert wird an Pressen, Dreh- und Fräsmaschinen und  Bearbeitungszentren, z. B. in der Metallbearbeitung. Aber manipulierte Schutzeinrichtungen finden sich auch in vielen anderen Branchen. Sie können konkret folgendermaßen aussehen:

  • Schalter z. B. Positionsschalter an Schutztüren, werden festgeklemmt, festgeklebt oder so verkeilt, dass sie ständig einen bestimmten Zustand melden, z. B., dass eine Schutztür geschlossen sei, auch wenn sie offen steht.
  • Zweihandschalter werden mechanisch so miteinander verbunden, dass der Bediener mit einer Hand beide Signale gleichzeitig auslösen kann.
  • Lichtschranken werden ausgetrickst oder die damit verbundenen Sicherheitsschaltungen überbrückt.

Ein Problem sind auch die sogenannten Ersatzbetätiger „Marke Eigenbau“. Diese ermöglichen es, die Stellung einer Schutzeinrichtung falsch vorzugeben. Das ist typischerweise ein Metallstück, welches dem beim Schließen einrastenden Teil z. B. einer Schutzklappe nachgeformt ist. Die originale Sicherheitsfunktion der Maschine wird über den Schließkontakt der Schutzklappe so gesteuert, dass die Maschine nur anläuft, wenn die Klappe fest geschlossen ist. Wenn einem Mitarbeiter dies zu umständlich erscheint oder zu lange dauert, kommt mancher auf die Idee, einfach mit einem nachgemachten Betätigungsbügel dieses Schließen zu simulieren, obwohl die Klappe offen steht.

Ein Ersatzbetätiger kann auch ein Magnet oder ein RFID-Transponder sein. Damit führt der Benutzer eine gefährliche Situation herbei, weil Maschinenbewegungen, heiße Oberflächen, gefährliche Strahlung o. Ä. auch bei geöffneter Schutztür vorhanden sind. Es erscheint dann einfacher, z. B. mal eben ein verklemmtes Werkstück anzuschieben oder etwas zu reinigen. Da die Maschine aber weiter aktiv ist, kommt es so zu oft schweren Unfällen. Manche tragen solche Betätigungsbügel sogar am Schlüsselbund stets bei sich.

Verhindern Sie Manipulationsanreize!

Laut den Beobachtungen der Berufsgenossenschaften ist mehr als jede dritte Schutzeinrichtung an metallverarbeitenden Maschinen manipuliert. Sie sollten daher alle Möglichkeiten nutzen, um den Anreiz zu vermindern, eine Sicherheitsfunktion auszutricksen oder zu umgehen. Das beginnt bei der Konstruktion, betrifft aber auch den Arbeitsschützer des Maschinenbetreibers. Nutzen Sie die folgenden kritischen Fragen, um die Manipulationsgefährdungen zu minimieren:

  • Achten Sie beim Kauf einer Maschine darauf, dass die Schutzlösungen so konstruiert und angebracht sind, dass ein Manipulieren keinen Vorteil bringen würde?
  • Gibt es in Ihrem Betrieb klare Vorgaben, wie Vorgesetzte und Arbeitsschützer reagieren, wenn eine Manipulation festgestellt wird?
  • Werden Sie als Fachkraft für Arbeitssicherheit informiert, wenn Manipulationsversuche festgestellt werden?
  • Wurden die Maschinenbediener zu den Risiken durch manipulierte Schutzeinrichtungen und einem strikten Manipulationsverbot unterwiesen?
  • Können Sie sicherstellen, dass Manipulationen von Vorgesetzten nicht geduldet werden?
  • Wird in solchen Fällen die Situation mit Beteiligung der potenziellen Verursacher und des die Maschine bedienenden Personals untersucht?

Wichtig ist, nicht nur Verbote auszusprechen, sondern aufzuklären. Dem Maschinenpersonal sollten Sinn und Funktionsweise von Schutzeinrichtungen klar sein. Wo eine Schutzfunktion nur als umständlich, zeitraubend oder die Arbeit erschwerend empfunden wird, steigt der Anreiz, sie auszutricksen oder zu umgehen.

Tipp: Haben Sie den Verdacht, dass im Betrieb verdeckt Manipulationen vorkommen und bekannt sind, aber niemand einen Kollegen anschwärzen und sich unbeliebt machen will? Dann kann es nützlich sein, ein anonymes Meldesystem einzurichten.

Schließen Sie alle speziellen, vom Hersteller mitgelieferten Werkzeuge für Wartungsarbeiten oder Reparaturen weg. Sie sollten nur für die vorgesehene Situation, etwa einen bestimmten Wartungsvorgang und nur von den dazu befugten und beauftragten Mitarbeitern verwendet werden können. Bewahren Sie Werkzeuge, die einen Manipulationsanreiz geben könnten, nach Möglichkeit nicht direkt bei der jeweiligen Maschine auf.

Achten Sie bei Betriebsbegehungen nicht nur auf das Funktionieren von Alarm- und Auslösevorrichtungen und den ordnungsgemäßen Zustand von Berstscheiben, Not-Aus-Schaltern oder Sicherheitsventilen. Haben Sie stets auch ein Auge auf Manipulationsversuche an Schutzfunktionen. Eine fehlende Schutzklappe fällt auf, andere Manipulationen sind weniger einfach zu erkennen. Hier kann es sinnvoll sein, auch mal mit einem Techniker des Herstellers oder einer Wartungsfirma den Maschinenpark abzugehen und zu schauen:

  • Sind Positionsschalter beschädigt?
  • Gibt es unerklärbare Kratzer oder Lackschäden genau dort, wo Schutzeinrichtungen angebracht sind?
  • Liegen neben der Maschine Draht, Klebeband, Werkzeug oder andere Gegenstände herum, für die es keinen Grund gibt?
  • Müssen Schutzeinrichtungen außergewöhnlich häufig repariert werden?

Neu: DGUV-Information zu Verriegelungseinrichtungen von Maschinen und Anlagen

Die DGUV-Information 203-079 „Auswahl und Anbringung von Verriegelungseinrichtungen“ wurde im Dezember aktualisiert. Sie richtet sich neben den Konstrukteuren auch an das Wartungspersonal. Es geht in diesem Dokument um Verriegelungseinrichtungen zur  Stellungsüberwachung von beweglichen trennenden Schutzeinrichtungen. Diese Einrichtungen funktionieren über elektromechanische  Positionsschalter (Sicherheitsgrenztaster, Endschalter oder Wegfühler) oder Näherungsschalter mit und ohne Zuhaltung. Als solche werden Positionsschalter bezeichnet, die berührungslos wirken.

Die typische Situation an einer Maschine beim Einsatz solcher Verriegelungseinrichtungen ist wie folgt:

Maschinen führen gefährliche Aktionen aus, z. B. mit beweglichen Teilen, Messern, Bohrern oder durch Erzeugung hoher Drücke. Die naheliegendste Schutzmaßnahme ist, die Maschine bzw. ihren Gefährdungsbereich einzuhausen, sodass niemals ein Beschäftigter mit einem Körperteil erfasst und verletzt werden kann. Oft ist eine solche Einkapselung aber nicht möglich, weil für das Bedienen oder Beschicken der Maschine oder für Serviceaufgaben ein Zugang oder Eingriff des Maschinenbedieners möglich sein muss. Daher werden Öffnungen vorgesehen und mit beweglichen Abdeckungen wie Türen oder Klappen versehen.

Die Aufgabe dieser sogenannten beweglichen trennenden Schutzeinrichtung ist nun, dafür zu sorgen, dass bei einer geöffneten Klappe alle gefährlichen Maschinenbewegungen abgeschaltet bzw. alle gefahrbringenden Maschinenfunktionen stillgesetzt werden. Dazu ist es nötig, dass die Stellung der Klappe kontinuierlich überwacht wird. Die Maschine darf erst wieder anlaufen, wenn die Position der Klappe als geschlossen gemeldet wird. Technisch umgesetzt wird diese durch die Kombination eines Betätigers, eines Positionsschalters (Sensor) und einer Signalverarbeitung. Diese Signalkette muss stets sehr zuverlässig funktionieren.

Wenn das Öffnen der trennenden Schutzeinrichtung so lange verhindert werden muss, bis kein Risiko mehr besteht, weil z. B.  Maschinenbewegungen, Walzen, Spindeln etc. noch nachlaufen oder eine berührungsgefährliche Spannung abgeklungen ist, spricht man auch von einer Zuhaltung. Eine Zuhaltung blockiert eine bewegliche Schutzeinrichtung in der geschlossenen Position, hält beispielsweise eine Klappe zu. Zuhaltungen bieten auch die manchmal notwendige Möglichkeit, dass der Produktionsprozess, etwa die Bearbeitung eines Werkstücks, zu jedem beliebigen Zeitpunkt durch einen Eingriff des Maschinenpersonals unterbrochen werden kann.

Solche Verriegelungseinrichtungen gibt es in verschiedenen Bauarten mit unterschiedlichen Typen von Positionsschaltern. Die DGUV-Information stellt deren Aufbau und Wirkungsweise dar und gibt Hinweise zur Auswahl, zur Anbringung und Schaltungshinweise. Wer eine Maschine bzw. deren Sicherheitseinrichtungen wartet, sollte deren Verriegelungssysteme kennen und verstehen, wie diese funktionieren.

FAZIT: Maschinenhersteller, Maschinenbetreiber und Arbeitsschützer müssen gemeinsam ihren Teil dazu beitragen, Manipulationsanreize an Schutzeinrichtungen zu verringern, damit Mitarbeiter an Maschinenarbeitsplätzen sich und andere nicht in Gefahr bringen.

So einfach geht Arbeitsschutz im Betrieb!

Autor: Dr. Friedhelm Kring

 

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