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Wie Sie das Risikokonzept für krebserregende Stoffe anwenden

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krebserregende Stoffe

Grenzwerte sind ein wichtiges Instrument im Arbeitsschutz. Umstritten waren bisher stets Grenzwerte für krebserregende Stoffe. Hier finden Sie das risikobasierte Konzept des Ausschusses für Gefahrenstoffe (AGS) vor. Prüfen Sie jetzt, wann Sie von der TRGS 910 betroffen sind und was Sie tun müssen, um ihre Vorgaben zu erfüllen.

    Warum krebserregende Stoffe ein Fall für den Arbeitsschutz sind

    Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum gerade krebserregende Stoffe im Arbeitsschutz schon immer ein besonderes Problem darstellten? Zum einen, weil bei dieser speziellen Art von Gefahrstoffen, besonders schwere gesundheitliche Schäden auftreten können. Es gibt aber noch einen anderen Punkt: Die meisten Krebserreger führen zu einer krebserzeugenden Wirkung, weil sie die Erbsubstanz schädigen. Das nennt man Genotoxizität.

    WICHTIG
    Genotoxische krebserregende Stoffe haben in den meisten Fällen keine Wirkschwelle. Bei ihnen ergibt sich ein Krebsrisiko am Arbeitsplatz immer, selbst wenn die Exposition gegenüber dem betreffenden Stoff sehr gering ist.

    Art der Exposition

    Bei krebserzeugenden Stoffen geht es meist um eine inhalative Exposition, also um das Einatmen der Stoffe. Dermale Exposition durch direkten Hautkontakt ist seltener und viele krebserregende Stoffe können nicht durch die gesunde Haut in den Körper gelangen.

    Nur in den eher seltenen Fällen, in denen krebserregende Stoffe eine Wirkschwelle haben (siehe Kasten auf S. 3), kann grundsätzlich ein Arbeitsplatzgrenzwert abgeleitet werden. Wenn Sie diesen Grenzwert nicht überschreiten, können Sie davon ausgehen, dass für die Mitarbeiter kein Krebsrisiko besteht. Zwar wäre es eindeutig das Beste, auf den Einsatz krebserzeugender Stoffe am Arbeitsplatz gänzlich zu verzichten. Dies hätte jedoch vielfach existenzbedrohende wirtschaftliche Nachteile für betroffene Unternehmen, wenn nicht gar übergreifende volkswirtschaftliche Nachteile zur Folge – jedenfalls wenn keine geeigneten Ersatzstoffe bzw. Ersatzverfahren zur Verfügung stehen.

    Krebsstoffe mit Wirkschwelle
    Nicht genotoxische krebserzeugende Gefahrstoffe haben grundsätzlich eine Wirkschwelle. Für sie wird das Risikokonzept des Auschusses für Gefahrstoffe (AGS) nicht angewendet. Solche Stoffe sind zum Beispiel unter der MAK-Kategorie 4 versammelt. Auch die MAK-Kommission der Deutschen Forschungsgemeinschaft befasst sich auf wissenschaftlicher Basis intensiv mit der krebserzeugenden Eigenschaft von Gefahrstoffen und unterteilt die Krebsstoffe in 5 Kategorien. In die MAK-Kategorie 5 werden genotoxische krebserzeugende Stoffen eingeordnet, die eine Wirkschwelle besitzen.

    Daneben gibt es auch Arbeiten, bei denen Sie von vorneherein keine Chance haben, den krebserzeugenden Stoff zu vermeiden. Dies gilt zum Beispiel

    • für Asbestsanierungen
    • für Quarzfeinstaub-Exposition bei bestimmten Arbeiten im Bausektor oder
    • für Arbeiten mit Hartholzstaub-Exposition (Sägen, Schleifen in Sägewerken, Schreinereien oder auch bei handwerklichen Arbeiten rund um Parkettböden).

    In vielen Fällen ist und bleibt (vorerst) der Umgang mit krebserzeugenden Gefahrstoffen unumgänglich und dies ist praktisch zwangsläufig mit Exposition und damit mit einem Krebsrisiko verbunden. Es macht also Sinn, sich darüber Gedanken zu machen, welche Krebsrisiken an Arbeitsplätzen man akzeptieren möchte und welche eben nicht tolerierbar sind. Werden auch in Ihrem Betrieb krebserregende Stoffe verwendet oder treten sie bei der Arbeit auf? Prüfen Sie noch einmal Ihr Gefahrenstoffverzeichnis.

    Falls in Ihrem Betrieb Tätigkeiten mit krebserregende Stoffen durchgeführt werden, haben Sie sich gewiss schon einmal mit der Frage beschäftigt, wie Sie das Krebsrisiko Ihrer Mitarbeiter möglichst weitgehend reduzieren können.

    Von technikbasierten zu risikobasierten „Grenzwerten“ für krebserregende Stoffe

    Unwillkürlich kommt da auch die Frage nach „Grenzwerten“ für diese Stoffe auf. Denn Sie möchten ja gern wissen, ob Sie innerbetrieblich genug getan haben.

    Zum Begriff “Grenzwert”
    Der Begriff „Grenzwert“ ist im deutschen Gefahrstoffrecht nach GefStoffV reserviert für sogenannte „Arbeitsplatzgrenzwerte“, die in der Technischen Regel für Gefahrstoffe (TRGS) 900 aufgelistet sind. Technische Richtkonzentrationen, Akzeptanzkonzentrationen und Toleranzkonzentrationen sind in diesem Sinn streng genommen keine Grenzwerte, weil bei ihrer Einhaltung immer noch ein Gesundheitsrisiko besteht.

    Diesem Bedarf nach „Grenzwerten“ wurde früher mit Technischen Richtkonzentrationen (TRK) Genüge getan. Die hatte der Ausschuss für Gefahrstoffe (AGS) für verschiedene praxisrelevante krebserregende Stoffe ohne Wirkschwelle abgeleitet und sich dabei am technisch Machbaren orientiert (Kasten unten).

    Perzentile und Stand der Technik
    Die TRK-Werte wurden aus den häufig großen Messdaten-Kollektiven der Unfallversicherungsträger ermittelt. Für einen Krebsstoff gab es aber oft ganz unterschiedliche Applikationen mit unterschiedlichen Expositionen und es gab natürlich auch Betriebe mit moderner oder älterer Technik. Da für einen Stoff nur ein TRK-Wert zu ermitteln war, wählte man „arbeitsökonomisch“ ein sogenanntes Perzentil als Entscheidungsgrundlage. Man setzte den TRK-Wert zum Beispiel so fest, dass 90 % aller zugrunde gelegten real erhobenen Messwerte ihn unterschritten (90 %-Perzentil). Das war ein praktikabler Weg. Mehr und mehr wurden 2 „Haken“ beim Vorgehen über TRK-Werte deutlich.

     

    Haken 1: Das reale Krebsrisiko der Beschäftigten bei einer Exposition in Höhe des TRK-Werts, wenn es überhaupt bekannt war, wurde generell zu wenig berücksichtigt, obwohl es teilweise beachtlich war.

    Haken 2: Die Betriebe gaben sich (zu oft) mit der Einhaltung des TRK-Werts zufrieden. Sie versuchten gar nicht erst, die Exposition ihrer Mitarbeiter weiter zu reduzieren – trotz des allgemeinen Minimierungsgebots nach Gefahrenstoffverordnung (GefStoffV). Mit der GefStoffV 2005 wurde ein Schnitt gewagt. Die TRK-Werte wurden abgeschafft. Danach wurde viel Kritik aus der Wirtschaft laut, denn es war nicht sofort zu erkennen, wie die TRK-Werte ersetzt werden sollten. Es wurde deutlich, dass die Verantwortlichen in den Unternehmen mehr Rechtssicherheit brauchten. Das Bundesarbeitsministerium beauftragte daher den Ausschuss für Gefahrenstoffe, ein Konzept zu entwickeln, das sich am realen Krebsrisiko der Beschäftigten orientiert und nicht am Stand der Technik bzw. dem, was man zu Zeiten der TRK-Werte dafür hielt. Aus Arbeitsschutzsicht ist dies gewiss der richtige Einstieg in die Problematik. Er trägt der besonderen Bedeutung einer möglichst wirksamen Prävention bei Exposition gegenüber krebserzeugenden Stoffen Rechnung.

    Bedeutung der Prävention bei Exposition

    Gerade weil Krebserkrankungen oft schlecht therapierbar sind und häufig tödlich verlaufen, muss ein wirksamer Arbeitsschutz dafür sorgen, dass sie gar nicht erst entstehen. Dies gilt auch, weil die arbeitsbedingte Ursache einer Krebserkrankung in vielen Fällen nicht einfach und hinreichend sicher begründet werden kann. Zwischen der Ursache für eine Krebserkrankung und ihrem Manifestwerden können bis zu 4 Jahrzehnte liegen.

    Statistiken der Unfallversicherungsträger belegen, dass erst heute das Maximum tödlich verlaufender Krebserkrankungen in Deutschland erreicht wird, die durch Asbest ausgelöst wurden. Dabei darf Asbest seit Anfang der 1990er Jahre nicht mehr verwendet werden. Asbest ruft neben Lungen- und Kehlkopfkrebs auch bösartige Mesotheliome des Brustfells und des Herzbeutels hervor. Letztere sind an sich sehr seltene, wenn auch stets tödlich verlaufende Krebserkrankungen. Liegt ein bösartiges Mesotheliom vor und war der Patient in seinem Leben relevant Asbest exponiert, so kann beinahe sicher davon ausgegangen werden, dass das Mesotheliom durch Asbest hervorgerufen wurde. Auch manch anderer krebserzeugende Stoff verursacht stoffspezifische, ansonsten nur selten auftretende Krebserkrankungen, zum Beispiel Nasenkrebs bei Exposition gegenüber Hartholzstäuben.

    Vielfach aber ist keine solche Spezifität vorhanden. Das macht auch angesichts der langen Latenzzeiten eine Ermittlung der Krebsursache oft schwierig. Daher kann die Gesamtzahl der Krebserkrankungen, die durch Gefahrstoffe bei der Arbeit verursacht wurden, nicht zuverlässig ermittelt werden.

    So wirkt sich die TRGS 910 in der Praxis aus

    Sie können leicht feststellen, ob die krebserregende Stoffe, die in der TRGS 910 behandelt werden, auch in Ihrem Betrieb gehandhabt werden.

    • Falls dies nicht der Fall ist, hat die TRGS 910 für Sie (noch) keine direkte Bedeutung.
    • Falls dies aber der Fall ist, können Sie über die Einhaltung der Vorgaben der Technischen Regel sicherstellen, dass Sie sich in Einklang mit dem staatlichen Arbeitsschutzrecht befinden.
    WICHTIG
    Technische Regeln für Gefahrstoffe sind nach den Vorgaben der Gefahrstoffverordnung mit der sogenannten Vermutungswirkung ausgestattet, sowie Technische Normen. Damit gewinnen sie „rechtliche Kraft“ und sind nicht lediglich Empfehlungen.

     

    Akzeptanz und Toleranzkonzentrationen für krebserregende Stoffe gemäß TRGS 910

    Es ergeben sich 3 Bereiche (Stichwort Ampelmodell): Im grünen Bereich arbeiten Ihre Mitarbeiter, wenn der 8-Stunden-Mittelwert, in der Regel bestimmt durch Arbeitsplatzmessungen, die Akzeptanzkonzentration für den betreffenden Krebsstoff unterschreitet. Im gelben Bereich landen sie, wenn der Mittelwert zwischen Akzeptanz- und Toleranzkonzentration liegt, und im roten Bereich, wenn der Mittelwert die Toleranzkonzentration überschreitet.

    Mit diesen Schutzmaßnahmen nach TRGS 910 gehen Sie gegen das Krebsrisiko vor

    Landen Sie bei Ihrer Messung im grünen Bereich, sind praktisch keine zusätzlichen Maßnahmen des Arbeitsschutzes erforderlich. Die Situation ist dann akzeptabel, selbst wenn manch einer den Begriff nicht ideal finden sollte. Im gelben Bereich müssen Sie Anstrengungen unternehmen, um den grünen Bereich zu erreichen.

    WICHTIG
    Problematisch aber sind vor allem Expositionen im roten Bereich. Diese dürfen Sie grundsätzlich nicht tolerieren. Der Arbeitgeber muss Abhilfe schaffen.

    Die folgende Tabelle zeigt Ihnen, welche Maßnahmen die TRGS 910 in diesem Fall vorschlägt. Beachten Sie dabei das sogenannte STOP-Prinzip (Substitution hat Vorrang vor technischen Maßnahmen, diese vor organisatorischen und Letztere vor Anwendung Persönlicher Schutzausrüstung).

    1. Substitution, falls möglich und verhältnismäßig
    2. Technische Schutzmaßnahmen nach dem Stand der Technik: Einhausung, Absaugung, Lüftung…
    3. Räumliche Abgrenzung des Expositionsbereichs, bevorzugt durch bauliche Maßnahmen
    4. Reduzierung eingesetzter Stoffmengen, falls möglich
    5. Weitere organisatorische Schutzmaßnahmen: Minimierung der Expositionsdauer für den einzelnen Beschäftigten und Minimierung der Zahl exponierter Beschäftigter, Warn- und Sicherheitszeichen anbringen
    6. Persönliche Schutzausrüstung, insbesondere Atemschutz, zur Verfügung stellen
    7. Maßnahmenplan erstellen, in dem beschrieben steht, wie und bis wann der gelbe bzw. grüne Bereich erreicht werden soll
    8. Kommunikation mit der zuständigen Behörde (empfohlen)
    9. Unterweisung der Beschäftigten anhand von geeigneten Betriebsanweisungen

    Wann Sie mit einem Maßnahmenplan arbeiten sollten

    Bemerkenswert ist das Instrument des Maßnahmenplans (Punkt 7 in der Tabelle). Kann zum Beispiel eine erforderliche größere technische Schutzmaßnahme nicht unmittelbar ergriffen werden, so soll ein betrieblicher Maßnahmenplan ausgearbeitet werden. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn das Unternehmen die erforderliche Investition nicht sogleich realisieren kann oder sich der Betrieb gerade „in der Mitte eines Investitionszyklus“ befindet. Aus dem Maßnahmenplan soll hervorgehen,

    • bis wann die Schutzmaßnahme realisiert wird,
    • was betrieblich in der Zwischenzeit getan werden soll, um die Arbeitnehmer trotzdem ordentlich zu schützen.

    Natürlich sollten Sie diese Dinge zum Beispiel auch einmal mit dem für Sie zuständigen Technischen Aufsichtsbeamten der Berufsgenossenschaft bzw. dem für Sie zuständigen Gewerbeaufsichtsbeamten besprechen.

    WICHTIG
    Grundsätzlich dürfen Sie Ihre exponierten Arbeitnehmer nicht dauerhaft mit belastendem Atemschutz (Atemschutz mit relevantem zusätzlichem Atmungswiderstand) schützen. Sollte dies in Ihrem Betrieb in einzelnen Fällen notwendig sein, benötigen Sie dafür eine Ausnahmegenehmigung Ihrer Gewerbeaufsichtsbehörde.

    Generell gilt: Im grünen Bereich haben Sie nichts zu befürchten. Auch deshalb sollten Sie diese Situation für Ihren Betrieb im Sinne Ihrer Arbeitnehmer anstreben.

    Autor: Dr. Heiner Wahl

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