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Psychische Belastung am Arbeitsplatz messbar machen

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Psychische Belastung am Arbeitsplatz

Die Krankenkassen registrieren Jahr für Jahr zunehmende Fehlzeiten aufgrund psychischer Faktoren. Denn psychische Belastungen beeinträchtigen die Gesundheit und senken die Leistungsfähigkeit. Seit einigen Jahren müssen Sie gemäß Arbeitsschutzgesetz psychische Belastungen in der Gefährdungsbeurteilung berücksichtigen.

Laut Gesetz sind Sie dazu verpflichtet, die psychische Belastung am Arbeitsplatz in einer psychische Gefährdungsbeurteilung zu erfassen. Hinweise dazu finden Sie in mindestens 3 wichtigen Rechtstexten: Das Arbeitsschutzgesetz (§ 5), die Bildschirmarbeitsverordnung (§ 3) und die Maschinenverordnung (§ 2) fordern eine menschengerechte Gestaltung von Arbeitsplätzen, die Beurteilung psychischer Gefährdungen und das Vermeiden psychischer Fehlbeanspruchungen.

Was ist psychische Belastung am Arbeitsplatz?

Formal hat die Norm EN-ISO 10075-1 „Ergonomische Grundlagen bezüglich psychischer Arbeitsbelastung“ schon im Jahr 2000 den Begriff „psychische Belastungen“ definiert. Aus der Definition dieser Norm geht hervor, dass als Belastung die Einflüsse auf den Menschen und als Beanspruchung die Auswirkung dieser Belastungen auf den Menschen bezeichnet werden.

Wie groß diese Beanspruchung tatsächlich ist, hängt von den persönlichen Voraussetzungen und Bewältigungsstrategien der jeweils Betroffenen ab. Psychische Belastung am Arbeitsplatz hängt immer von mehreren Faktoren ab. Beispielsweise können Lärm und Zeitdruck Stress auslösen. Doch in Kombination mit einer nicht zu bewältigen Aufgabe, können die einzelnen Faktoren eine psychische Belastung auslösen.

Psychische Gefaehrdungsbeurteilung
© SafetyXperts: Ein gewisses Maß an Belastung gehört zum Arbeitsalltag. Kritisch wird es dann, wenn „das Maß voll ist“.

 

Ein Verständnis dieser Definition ist wichtig für Ihre psychische Gefährdungsbeurteilung. Denn mit Blick auf die Gefährdungsbeurteilung ist besonders interessant, dass sich psychische Belastungen nicht zwangsläufig negativ auswirken. Berufliche Belastungen wie die jeweilige Arbeitsaufgabe oder die soziale Situationen können eine Herausforderung sein. Wird sie erfolgreich gemeistert, erleben die Betroffenen diese Belastung sogar besonders positiv. Diese unterschiedlichen Ausschläge gilt es bei der psychischen Gefährdungsbeurteilung einzuschätzen.

So machen Sie psychische Belastungen messbar

Für die Gefährdungbeurteilung müssen Sie versuchen, die psychische Belastung am Arbeitsplatz messbar zu machen. Allerdings ist es nicht einfach, psychische Belastungen in der Arbeitswelt zu erfassen, denn anders als z. B. bei Lärm oder Staubbelastungen gibt es kaum objektive Messwerte oder gar physikalisch messbare Grenzwerte. Nur ein Teil der Belastungen entsteht durch Umwelteinflüsse, die gezählt und gemessen werden können.

Psychische Belastungen werden daher häufig durch Befragungen erfasst. Damit erhalten Sie in der Regel Angaben zur subjektiven Beanspruchung der Betroffenen. Das führt dazu, dass die Belastungen daraus indirekt erschlossen werden müssen. Wenn Sie Belastungsquellen am Arbeitsplatz suchen, können Sie sich auf folgende Bereiche konzentrieren:

  1. Anforderungen durch die Aufgabe z. B. Verarbeitung von Informationen (Anzahl und Art der zu entdeckenden Signale, Ziehen von Schlüssen aus unvollständigen Informationen, Entscheidungen zwischen alternativen Handlungsweisen)
  2. Physikalische Bedingungen z. B. Lärm (Schalldruck, Frequenz)
  3. Soziale Organisationsfaktoren z. B. Betriebsklima (persönliche Akzeptanz, zwischenmenschliche Beziehungen)
  4. Gesellschaftliche Faktoren (außerhalb der Organisation) z. B. kulturelle Normen (akzeptable Arbeitsbedingungen, Werte, Normen)

Um die Belastungen zumindest zu „klassifizieren“, können Sie jedoch die folgenden 3 Stufen der Beeinträchtigung (in Anlehnung an eine Definition in DIN ISO 10075) heranziehen:

Beeinträchtigung durch psychische Belastung
psychische Ermüdung Vorübergehende Beeinträchtigung der psychischen und körperlichen Leistungsfähigkeit eines Menschen, die von Intensität, Dauer und Verlauf der vorangegangenen Beanspruchung abhängt. Mögliche Folgen: mehr Zeitbedarf für Handlungen, Bewegungsfehler wie Fehlgreifen, Fehltreten, Vergessen von wichtigen Informationen oder Zwischenergebnissen.
ermüdungsähnliche Zustände Zustände, die als Auswirkung psychischer Beanspruchung in abwechslungsarmen Situationen auftreten. Schläfrigkeit, Leistungsabnahme und -schwankung, Verminderung der Umstellungs- und Reaktionsfähigkeit, herabgesetzte Wachsamkeit, psychische Sättigung (Ärger, Leistungsabfall, Rückzug von der Aufgabe)
Stress Als unangenehm empfundener Zustand, der als bedrohlich, kritisch, wichtig und unausweichlich empfunden wird. Entsteht vor allem dann, wenn die Person einschätzt, dass sie ihre Aufgabe nicht bewältigen kann. Befindlichkeitsstörungen, Angstzustände, hoher Blutdruck, nervöse Magenschmerzen, steigendes Herzinfarktrisiko, sinkende Leistung, erhöhte Fehlerzahl

 

Das heißt für Ihre psychische Gefährdungsbeurteilung: Psychische Belastung am Arbeitsplatz können Sie nur im Gespräch mit den Mitarbeitern und bei der Beobachtung der Arbeitssituation erkennen. Meist werden Sie einen konkreten Anlass haben, der signalisiert, dass die Beschäftigten einer besonderen Belastungssituation ausgesetzt sind. Messbare Indikatoren dafür sind z. B.

  • Krankenstand,
  • Fluktuation,
  • Fehlerquote,
  • Überlastungsanzeigen,
  • Qualitätsprobleme,
  • mangelnde Kommunikation,
  • häufige Konflikte
  • oder Mobbingfälle.

Für jede Abteilung bzw. jeden Bereich sollten Sie die relevanten Kennzahlen erheben und vergleichen. Erstellen Sie daraus eine Matrix, die Ihnen anzeigt, wo es hinsichtlich der Psyche Handlungsbedarf gibt.

Tipp: Hier gibt es ein kostenloses Praxis-Paket zum Thema „Wie Sie die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen umsetzen“

Kurzfristige Schutzmaßnahmen

Gerade wenn die Phänomene Ermüdung oder ermüdungsähnliche Zustände häufig an Ihrem Arbeitsplatz zu beobachten sind, können Sie mit kleinen Änderungen schon kurzfristige Besserung bewirken. Denn durch zeitliche Unterbrechung der Tätigkeit oder durch Wechsel der Aufgabe, der Umgebung oder der äußeren Situation, können sich Ihre Mitarbeiter wieder erholen. Dies können allerdings nur kurzfristige Änderungen sein. Vielmehr müssen Sie mittels der psychischen Gefährdungsbeurteilung nachhaltige Schutzmaßnahmen entwickeln.

Kommunikation mit der Chefetage

Ausfallzeiten aufgrund psychischer Belastungen nehmen zu. Sie verursachen heute schon 10 % der Ausfalltage. Mitarbeiter, die aufgrund psychischer Erkrankungen ausfallen, fehlen durchschnittlich 22 bis 23 Tage. Und psychische Belastung am Arbeitsplatz sind ein wichtiger Grund für qualifizierte Fachkräfte, sich einen neuen Arbeitgeber zu suchen. Vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung und des einsetzenden Fachkräftemangels sind dies auch aus betriebswirtschaftlicher Sicht starke Argumente dafür, die Gefährdungbeurteilung psychischer Belastungen Ernst zu nehmen und langfristige Präventionsmaßnahmen zu entwickeln.

Autor: Dr. Gregor Witke

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