Gefährdungsbeurteilung Plus  08.09.2025

Sonderausgabe: Arbeitsschutz in Ausnahmesituationen

Werner Böcker
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Ausnahmezustand! – Jetzt zeigt sich, wie gut Ihr Arbeitsschutz wirklich ist
Arbeitsschutz funktioniert im geregelten Alltag meist hervorragend: Die Prozesse sind eingespielt, die Abläufe klar strukturiert, die Schutzmaßnahmen werden routiniert umgesetzt. Beschäftigte wissen, was zu tun ist, und die Führungskräfte können sich auf die Einhaltung der Vorgaben verlassen. Doch was passiert, wenn plötzlich alles anders läuft?
Psychische Belastung
Warum die Zeit unser größter Feind sein kann
Zeitdruck gehört mittlerweile fast zum Standard in vielen Betrieben. „Schnell noch fertigstellen“, „nur kurz überbrücken“ oder „darf nicht länger als fünf Minuten dauern“ – diese Sätze kennt fast jede und jeder Beschäftigte. Was organisatorisch wie eine harmlose Beschleunigung klingt, kann im Arbeitsschutz gravierende Folgen haben.
Methoden
Sichere Improvisation – kein Zufall, sondern Training!
Kein noch so perfekter Plan kann alle Unwägbarkeiten abdecken: Maschinen fallen aus, Werkzeuge brechen, Materiallieferungen verzögern sich oder Kolleginnen und Kollegen fehlen plötzlich. In solchen Momenten muss improvisiert werden – das gehört zur Realität in fast jedem Betrieb.
Wenn der Kopf voll ist: Private Belastung als Sicherheitsrisiko
Niemand lässt seine Sorgen an der Werkstür zurück. Ob Streit in der Familie, eine Trennung, finanzielle Schwierigkeiten oder Krankheit eines Angehörigen – all diese Belastungen begleiten Beschäftigte in den Arbeitsalltag. Während der Kopf mit Sorgen gefüllt ist, sinkt die Aufmerksamkeit, Entscheidungen werden ungenauer und Fehler häufen sich.
Kommunikation unter Druck: Klare Worte retten Leben
In Not- und Ausnahmesituationen steigt der Stresspegel drastisch. Plötzlich zählt jede Sekunde, Abläufe müssen angepasst, neue Entscheidungen getroffen werden. In diesen Momenten entscheidet die Kommunikation darüber, ob Schutzmaßnahmen noch greifen oder gefährliche Fehler passieren.
Setzen Sie auf eine Sicherheitskultur, die Ausnahmen mitdenkt
Viele Unternehmen setzen auf klare Regeln, detaillierte Handlungsanweisungen und umfassende Sicherheitsvorschriften. Doch Regeln sind nur so stark, wie ihre Umsetzung in der Realität. Sobald eine Ausnahmesituation eintritt, zeigt sich, ob die Sicherheitskultur wirklich verinnerlicht wurde oder ob die Regeln nur auf dem Papier bestehen.
Von der Theorie zur gelebten Praxis: Werkzeuge für Ausnahmesituationen im Alltag
Eine angstfreie, offene Sicherheitskultur entsteht nicht durch Appelle oder einmalige Workshops. Sie wächst durch tägliche, kleine, aber konsequente Maßnahmen. Die wichtigste Frage lautet deshalb: Wie setze ich das konkret um? Das können Sie natürlich nicht allein leisten, aber mit den folgenden Methoden können Sie den Führungskräften in Ihrem Unternehmen die richtigen Werkzeuge an die Hand geben.
Darf ich einen Auftrag ablehnen, wenn ich mich gerade nicht sicher fühle?
Sebastian L., Marburg: „Ich arbeite seit vielen Jahren als Elektriker in einem mittelständischen Betrieb. Letzte Woche sollte ich eine Reparatur an einer Steuerung unter erheblichem Zeitdruck ausführen. Ich hatte an dem Tag privaten Stress und fühlte mich extrem unkonzentriert. Ich habe dem Meister gesagt, dass ich den Auftrag nicht sicher erledigen kann, und er hat mich daraufhin scharf kritisiert: ‚Dann bist du hier wohl fehl am Platz!‘ War meine Reaktion falsch? Darf ich solche Aufträge überhaupt ablehnen?“
Wie überzeuge ich Mitarbeitende, in Ausnahmesituationen ruhig zu bleiben?
Regina M., Ludwigshafen: „Ich bin Sicherheitsfachkraft in einem größeren Produktionsunternehmen. Ich beobachte oft, dass Mitarbeitende in Störfällen oder bei unerwarteten Situationen sehr hektisch und unüberlegt reagieren. Obwohl wir regelmäßig unterweisen, verfallen viele sofort in den Panikmodus. Haben Sie Tipps für mich, wie ich das Verhalten gezielt beeinflussen und die Beschäftigten dafür sensibilisieren kann, in solchen Momenten ruhig zu bleiben?“