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Was „barrierefreies Bauen und Gestalten“ bedeutet

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barrierefreies Bauen

Schon in einem voran erschienen Artikel haben wir Ihnen erklärt, was unter dem Begriff "Barrierefreiheit" verstanden wird und welche Vorteile die Nachbesserung mit sich bringt. Im folgenden wird genau erklärt werden, durch welche Schritte barrierefreies Bauen umgesetzt werden kann und in welche Stufen unterteilt wird.

Barrierefreies Bauen meint oft das vermeiden von Barrieren und Hindernisse, vor allem bei

  • Zugängen und Bewegungsflächen,
  • Orientierungssystemen und
  • der Erreichbarkeit und Nutzbarkeit der Raumausstattung.

Dabei werden die Bedürfnisse der Gruppe ermittelt, die die weitestreichenden Anforderungen an die Gestaltung der Umgebung stellt und die auch in dieser Umgebung angetroffen werden können. Anhand dieser Anforderungen wird dann barrierefreies Bauen umgesetzt.

Mehr zum Thema: Barrierefreiheit statt behindertengerecht: Damit Inklusion allen Mitarbeitern weiterhilft

Barrierefreies Bauen im Unternehmen umsetzen

Durch barrierefreies Bauen öffnen Sie nicht nur benachteiligten Personen die Türen, Sie sorgen auch für den Fall vor, dass durch Arbeitsunfälle verletzte Mitarbeiter schnell wieder an Ihre Arbeitsplätze zurückkehren können. Die folgenden 3 Beispiele zeigen, wie Sie das Gestaltungsprinzip namens „Barrierefreies Bauen“ im Unternehmen umsetzen können.

Beispiel 1: Stufen und Schwellen

Wenn Sie für alle Stufen und Schwellen in den Gebäuden Ihres Unternehmens die bestehenden sicherheitstechnischen Bestimmungen und ergonomischen Empfehlungen konsequent umsetzen, können Sie deren Sicherheit und Nutzbarkeit auch für Personen mit eingeschränkten Fähigkeiten signifikant erhöhen. Maßnahmen sind z. B.:

  • Einhalten der Schrittmaße nach der Treppenformel
  • ausreichende Rutschsicherheit durch geeignetes Material und Pflege
  • konsequentes Vermeiden von Unterschneidungen durch Verwenden von Blockstufen
  • kontrastreiche Gestaltung; schattenfreie Ausleuchtung

Für Personen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, z. B. durch ein Augenleiden oder aber durch eine unzureichende Beleuchtung, genügt es oft, wenn Sie die genannten Anforderungen konsequent umsetzen.

WICHTIG
Beachten Sie die Personengruppe mit den weitesreichendsten Anforderungen. Im Bereich der Mobilität haben Menschen die weitestreichenden Bedürfnisse, die auf ein Fahrzeug, wie z. B. den Rollstuhl, angewiesen sind. Dazu gesellen sich alle, die z. B. Transportwagen, Umzugscontainer, Sackkarren, Catering-, Post- und Materialwagen einsetzen. Für diese Gruppen kann ein Höhenunterschied durch Stufen oder Schwellen eine unüberwindliche Barriere darstellen! Achten Sie also bei Neu- und Umbauten sowohl im Außen- wie im Innenbereich grundsätzlich darauf, dass derartige Barrieren vermieden werden.

 

Gerade dieses Beispiel macht aber auch ganz deutlich, dass alle Mitarbeiter von einer barrierefreien Gestaltung profitieren können: Stufen sind nicht nur ein Hindernis für Rollstuhlfahrer, sie sind auch Stolperfallen für alle anderen Mitarbeiter. Und Stolpern, Rutschen, Stürzen gehören nach wie vor zu den häufigsten Arbeitsunfällen. Wenn Sie sich hier bei Neu- und Umbauten von vornherein für barrierefreies Bauen einsetzen, tun Sie auch etwas für eine positive Entwicklung der Unfallstatistik in Ihrem Unternehmen.

Beispiel 2: Lichte Durchgangsbreiten

Durchgänge können von allen Mitarbeitern problemlos genutzt werden, wenn die lichte Breite für die Gruppe mit den weitestgehenden Bedürfnissen berücksichtigt wird. In Arbeitsstätten sind entgegen üblicher Meinung nicht die Rollstuhlfahrer die Gruppe mit den weitestreichenden Bedürfnissen, sondern Mitarbeiter, die Flure und Fußwege mit Wagen zum Transport benutzen müssen.

TIPP
Umfangreiche Studien haben ergeben, dass ein Maß von 0,90 m in üblichen Arbeitsstätten ausreichend als lichte Durchgangsbreite ist. Dies gilt für Türen, Sperren sowie für Flure und Durchgänge an Kassen und Essensausgaben, bei denen nicht gewendet werden muss und bei denen keine Begegnungen stattfinden. Sind Wendungen erforderlich oder Begegnungen möglich, so müssen Sie die Breite auf 1,50 m erhöhen.

Beispiel 3: Betätigungshöhen

Ein weiteres Problem ist die Erreichbarkeit von Bedienungselementen oder Stellteilen. Hier müssen Sie entgegengesetzte Bedürfnisse berücksichtigen, nämlich für

  • großwüchsige Personen,
  • kleinwüchsige Personen (und in sozialen Einrichtungen: Kinder) sowie
  • querschnittgelähmte Personen mit minimaler Bewegungsfähigkeit der Arme und Finger.
TIPP
Arm- und Beinlängen stehen zueinander in einem proportionalen Verhältnis. Menschen mit langen Beinen haben auch lange Arme, Menschen mit kurzen Beinen auch kurze Arme. Daraus folgt, dass bei herabhängenden Armen die Höhe der Hände bei großen und kleinen Menschen nicht stark differiert. In etwa entspricht die Handhöhe auch derjenigen, bei der im Rollstuhl die Arme auf Armstützen fixiert sind. Dies ist eine Höhe von zirka 0,85 bis 0,90 m über Oberkante Fußboden. Auch kleinwüchsige Personen und Kinder können diese Höhe leichter erreichen als die zurzeit übliche Höhe bei Schaltern und Türgriffen von 1,05 m.

Alle diese Anforderungen finden Sie in der DIN 18040-1 „Planungsgrundlagen – Teil 1: Öffentlich zugängliche Gebäude“. Referenzbauten vor allem von Verwaltungs- und Bürogebäuden, haben gezeigt, dass sich das Bauvorhaben nicht verteuert, wenn diese Anforderungen bereits bei der Planung von Neu- und großen Umbauten frühzeitig berücksichtigt werden.

Die Besonderheit von Aufzügen

Auf ein derzeit häufig diskutiertes Problem soll an dieser Stelle noch ausdrücklich hingewiesen werden: Auch in Gebäuden, die in beschriebener Weise einwandfrei gestaltet sind, kann es vorkommen, dass einzelne Personen sie aufgrund ihrer individuellen Behinderung nicht nutzen können. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn eine mehrstöckige Arbeitsstätte nicht mit einem Aufzug ausgestattet wird. Dabei gilt: Wird der Einbau eines Aufzugs nur mit der Anwesenheit einzelner behinderter Personen begründet, erscheint die Maßnahme schnell unwirtschaftlich. Beziehen Sie jedoch Lastentransporte und die Nutzung von Transportwagen genau so in die Bewertung ein wie die Kundenstruktur, dann kann sich das Bild schnell ändern! Betreiben beispielsweise Notare oder Ärzte ihre Kanzleien und Praxen in Obergeschossen, die nur über Treppen zu erreichen sind, verzichten sie auf einen Teil der kapitalkräftigen Senioren und Seniorinnen als Zielgruppe.

Die Dimensionen barrierefreier Gestaltung

Ein Nachrüsten Ihres Unternehmenssitzes scheint auf den ersten Blick ein teures Prozedere. Doch barrierefreies Bauen bringt mehr Vorteile mit sich, als es auf den ersten Blick aussieht. Eine barrierefreie Gestaltung der Firmenumgebung hat positive Effekte in 4 Dimensionen:

Die ergonomische Dimension

Barrierefreie Gebäude/Produkte sind an die Fähigkeiten der Nutzer angepasst. Sie entsprechen den Grundanforderungen an Zugänglichkeit, Ausführbarkeit, Belastung und Beanspruchung für Menschen mit eingeschränkten Fähigkeiten. Dadurch werden auch für nicht behinderte Mitarbeiter Arbeitssicherheit, Leistung und Motivation erhöht, Belastungen, Beanspruchungen und Fehlerquoten gesenkt.

Positiver Effekt: Um einen Arbeitsplatz zu besetzen, können Arbeitgeber den geeignetsten Bewerber einstellen – unabhängig von einer vorhandenen Behinderung.

Die psychologische Dimension

Barrierefreie Gebäude/Produkte können die persönliche Lebenssituation der Nutzer erhalten und verbessern. Bei gleichartigen Tätigkeiten sind gegenseitige Vertretungen möglich. Arbeitsplätze unterscheiden sich nicht aufgrund der besonderen Bedürfnisse Einzelner.

Positiver Effekt: Mit barrierefreier Gestaltung vermeiden Sie, dass behinderte Mitarbeiter ausgegrenzt werden.

Die soziale Dimension

Barrierefreie Gebäude/Produkte ermöglichen mehr Menschen die soziale Teilhabe, weil sie mehr Menschen uneingeschränkt nutzen können. Menschen mit Behinderungen können ihre Fähigkeiten einbringen.

Positiver Effekt: Lohnnebenkosten und soziale Aufwendungen werden reduziert.

Die wirtschaftliche Dimension

Barrierefreie Gebäude/Produkte erweitern die Zahl potenzieller Nutzer/Käufer, weil auch Personen mit eingeschränkten Fähigkeiten einbezogen werden. Mitarbeiter mit Behinderungen können ihre Bedürfnisse artikulieren: So können Unternehmen auch Kundenkreise mit besonderen Bedürfnissen gezielter ansprechen und als Kunden gewinnen.

Positiver Effekt: Für Dienstleister ergeben sich neue Kundenkreise, für Produzenten neue Käuferschichten.

Wenn Sie den vorangegangenen Artikel zu Barrierfreiheit noch nicht gelesen haben, drücken Sie hier.

Autor: Klaus Buhmann

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