Psychische Belastung am Arbeitsplatz

Psychische Belastung am Arbeitsplatz

Die Krankenkassen schlagen Alarm! Laut dem BKK Gesundheitsreport 2018 sind Krankschreibungen aufgrund psychischer Erkrankungen um einem relativen Anteil von 16,6 Prozent gestiegen. Das bedeutet, dass jeder fünfte Arbeitnehmer wegen psychischen Leiden ausgefallen ist. Vor vier Jahrzehnten war nur jeder zwanzigste Beschäftigte aufgrund einer psychischen Erkrankung nicht arbeitsfähig.

Wer die statistische Auswertung der Krankenkasse näher betrachtet, wird sehr schnell feststellen, dass sich jede zweite Krankschreibung auf die Diagnosegruppe psychischer Erkrankungen nach ICD-Standard bezieht. Vor zwanzig Jahren hatte diese Gruppe noch so gut wie keine Bedeutung. Auch die Anzahl der Krankentage nahm zu. So liegt laut BKK Gesundheitsreport die durchschnittliche Krankheitsdauer bei einer psychisch bedingten Arbeitsunfähigkeit bei 38,9 Tagen. Im Vergleich zu anderen Erkrankungen sind die Ausfallzeiten betroffener Arbeitnehmer damit dreimal höher. Experten vermuten die Ursachen für den starken Anstieg an psychischen Erkrankungen im zunehmenden Stress beim Arbeiten.

Wissenswert:

  • Laut Zahlen der Deutschen Rentenversicherung aus 2018 sind rund 43 Prozent der aktuellen Frührentner aufgrund psychischer Erkrankungen im Ruhestand. Das Durchschnittsalter dieser Gruppe von Frührentnern liegt bei knapp 48 Jahren.
  • Für die Volkswirtschaft sind diese Zahlen ebenfalls alarmierend. So betrugen allein die Krankheitskosten für seelische Erkrankungen laut Statistischem Bundesamt im Jahr 2017 rund 44 Milliarden Euro.
  • 2016 entstanden laut Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) allein durch den Anstieg der Krankheitskosten für psychisch bedingte Leiden die Produktionsausfallkosten auf 12,2 Milliarden Euro.

    Was ist „psychische Belastung am Arbeitsplatz“?

    Die Arbeitswissenschaften verstehen unter psychischer Belastung am Arbeitsplatz alle Einflüsse, die von außen auf einen Menschen im Rahmen seiner Arbeit einwirken und dabei Einfluss auf seine Psyche nehmen können. Welche Faktoren das letztendlich sind, hängt von der Arbeitsumgebung und der Art der Arbeitsaufgabe/Tätigkeit ab.

    Die BAUA definiert psychische Belastung als “die Gesamtheit aller erfassbaren Einflüsse, die von außen auf den Menschen zukommen und psychisch auf ihn einwirken”.

    Wissenswert:

    • Zunächst ist die psychische Belastung im Gegensatz zur Belastung im privaten Bereich nicht negativ formuliert (“psychischen Belastungen” gemäß DIN EN ISO 10075).
    • Ob psychische Belastungen negative oder positive Auswirkungen haben, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Wie stark und welcher Art die jeweilige Belastung ist, bestimmt die unmittelbaren sowie die langfristigen Folgen.

    Was kann psychische Belastung am Arbeitsplatz verstärken bzw. auslösen?

    Unternehmen und Gesundheitsexperten sind sich einig darin, dass die psychische Belastung im heutigen Arbeitsleben kontinuierlich und branchenübergreifend zunimmt. Tatsächlich muss die steigende Belastung nicht nur negative Folgen haben. Sie kann zum Beispiel in Lernfortschritten oder mehr Abwechslung beim Arbeiten münden.

    Allerdings überwiegen meist die negativen Folgen, die auch als “Fehlbeanspruchungen” bezeichnet werden. Doch wo sind die Ursachen für diese Fehlbeanspruchungen zu finden? Meist handelt es sich dabei um ein unausgeglichenes Verhältnis zwischen negativer Beanspruchung und sogenannten “Ressourcen”, also ausgleichenden Faktoren. Überwiegen die Fehlbeanspruchungen bzw. gibt es nicht ausreichende Ressourcen, um diesen zu begegnen, steigt der negative Anteil der psychischen Belastung am Arbeitsplatz.

    Mögliche Ursachen für Fehlbeanspruchungen sind z. B.:

    • steigender Zeitdruck
    • Arbeitsverdichtung
    • schnell wechselnde Organisationsstrukturen
    • zunehmende Konkurrenz zwischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern
    • Mobbing
    • fehlende materielle oder personelle Ressourcen
    • unklare Aufgabenverteilung
    • Überforderung
    • Unterforderung (Boreout) usw.

    Experten unterteilen mögliche Entstehungsgründe für psychische Belastungen am Arbeitsplatz in fünf Kategorien.

    Psychische Belastung am Arbeitsplatz
    © Marco2811 – fotolia.com
    1. Inhalte oder Aufgabe der Arbeit: Die Ausführbarkeit und Erfüllbarkeit der Aufgaben können ebenso Einfluss auf die Intensität der psychischen Belastung am Arbeitsplatz haben, genauso wie der Umfang des Handlungsspielraums, der dem Arbeitnehmer durch den Arbeitgeber eingeräumt wird. Natürlich kann eine Verachtung der eigenen Dienstleistung oder Produkte auch zu einer gewissen psychischen Belastung führen.
    2. Organisation der Arbeit: Lange Arbeitszeiten, ungeregelte Pausenzeiten und/ oder Schichtdienst können die psychische Belastbarkeit des Arbeitnehmers an ihre Grenzen bringen.
    3. Soziale Beziehungen: Die Anzahl der sozialen Kontakte des Arbeitnehmers beim Arbeiten (soziale Unterstützung) und/oder dessen Qualifikation (Überforderung/Unterforderung) sind zwei maßgebliche Faktoren, die das Entstehen einer psychischen Belastung am Arbeitsplatz begünstigen können.
    4. Arbeitsumgebung: Wie laut ist es am Arbeitsort? Wie ergonomisch ist der Arbeitsplatz? Wie ist die Beleuchtung? Auch die Arbeitsumgebung kann schuld am Entstehen einer psychischen Belastung sein.
    5. Neue Arbeitsformen: Die höhere Mobilität sowie die zeitliche Flexibilität im Zuge neuer Arbeitsformen kann das Risiko einer psychischen Belastung am Arbeitsplatz deutlich erhöhen.
    Mobbing, Überforderung, Unterforderung, unklare Aufgabenverteilung, Zeitdruck, wechselnde Organisationsstrukturen, Arbeitsverdichtung, Konkurrenz, fehlende Ressourcen
    © Safety Xperts

    Achtung: Psychische Belastung ist keine einheitliche Messgröße. Sie muss immer individuell für jeden Arbeitnehmer ermittelt werden. Während die eine Person bestimmte Anforderungen positiv wahrnimmt, können diese bei der anderen Person bereits Stress auslösen. In einem Fall wäre die psychische Belastung demnach positiv, im anderen Fall mit negativen Folgen verbunden.

    Seelische Belastung am Arbeitsplatz: die Folgen

    Während zunächst zu vermuten wäre, dass psychischer Druck und Stress überwiegend Auswirkungen auf die Psyche haben und Krankheiten wie Depressionen oder Phänomene wie das Burnout hervorrufen, zeigt ein Blick auf die weiteren Folgen, dass psychische Belastung auch in hohem Maße die körperliche Gesundheit negativ beeinflussen kann.

    In Folge psychischer Belastung steigt die Gefahr für Erkrankungen am Herz-Kreislaufsystem, für Diabetes, für chronische Rückenleiden, Demenz und Alzheimer an. Darüber hinaus erhöht psychischer Stress die Wahrscheinlichkeit von Arbeitsunfällen.

    Die Folgen von psychischer Belastung lassen sich in kurzfristige sowie mittel- bis langfristige Folgen einteilen.

    kurzfristige Folgen von psychischer Belastungmittel- bis langfristige Folgen psychischer Belastung
    innere Anspannung,
    Gereiztheit,
    Angstgefühle,
    Wut und Ärger,
    Nervosität,
    Ermüdung,
    Sättigung
    Unzufriedenheit,
    Depression,
    Schlafprobleme,
    psychosomatische
    Erkrankungen,
    Ängstlichkeit,
    Resignation,
    allgemeines Unwohlsein
    So können sich psychische Belastungsfaktoren auswirken
    psychische ErmüdungVorübergehende Beeinträchtigung der psychischen und körperlichen Leistungsfähigkeit eines Menschen, die von Intensität, Dauer und Verlauf der vorangegangenen Beanspruchung abhängt.Mögliche Folgen: mehr Zeitbedarf für Handlungen, Bewegungsfehler wie Fehlgreifen, Fehltreten, Vergessen von wichtigen Informationen oder Zwischenergebnissen.
    ermüdungsähnliche ZuständeZustände, die als Auswirkung psychischer Beanspruchung in abwechslungsarmen Situationen auftreten.
    Beispiel: Psychische Belastung durch Roboterarbeitsplatz
    Schläfrigkeit, Leistungsabnahme und -schwankung, Verminderung der Umstellungs- und Reaktionsfähigkeit, herabgesetzte Wachsamkeit, psychische Sättigung (Ärger, Leistungsabfall, Rückzug von der Aufgabe)
    StressAls unangenehm empfundener Zustand, der als bedrohlich, kritisch, wichtig und unausweichlich empfunden wird. Entsteht vor allem dann, wenn die Person einschätzt, dass sie ihre Aufgabe nicht bewältigen kann.Befindlichkeitsstörungen, Angstzustände, hoher Blutdruck, nervöse Magenschmerzen, steigendes Herzinfarktrisiko, sinkende Leistung, erhöhte Fehlerzahl

    Außerdem ist psychische Belastung als Arbeitsunfall-Ursache nicht zu unterschätzen. Hinzu kommt, dass die Überlastung ernste wirtschaftliche und soziale Folgen haben kann.

    Tipp: Gerade wenn die Phänomene „Ermüdung“ oder „ermüdungsähnliche Zustände“ häufig zu beobachten sind, können kleine Änderungen schon eine kurzfristige Besserung bewirken. Denn durch zeitliche Unterbrechung der Tätigkeit oder durch Wechsel der Aufgabe, der Umgebung oder der äußeren Situation, können sich Beschäftigte schneller erholen. Dies ist allerdings nur eine kurzfristige Lösung. Vielmehr müssen Arbeitgeber mittels der psychischen Gefährdungsbeurteilung nachhaltige Schutzmaßnahmen entwickeln, um dauerhaft für Abhilfe zu sorgen.

    Sonderfall Burnout

    Eine besondere Folge von Fehlbeanspruchung am Arbeitsplatz ist das “Burnout-Syndrom”. Es beschreibt einen andauernden Zustand emotionaler, geistiger und körperlicher Erschöpfung. Die Betroffenen leiden häufig unter Schlafstörungen und Antriebslosigkeit. Der psychische Druck führt schließlich zur Verringerung oder zum Verlust der Leistungsfähigkeit. Allerdings handelt es sich bei einem Burnout nicht um eine medizinische Diagnose im eigentlichen Sinn, sondern es ist vielmehr ein Sammelbegriff für verschiedene Phänomene. Manche Forscher gehen auch davon aus, dass es sich bei einem Burnout um eine Art der Depression handelt. Ebenso kann ein Burnout aber auch eine Depression auslösen.

    Psychische Belastung
    © REDPIXEL – fotolia.com

    Das Burnout steht wie kaum ein anderes Phänomen für die Folgen der negativen psychischen Belastung am Arbeitsplatz. Aus diesem Grund spielt das Burnout sowohl bei der Prävention als auch bei der Gefährdungsbeurteilung eine wichtige Rolle.

    Sonderfall Mobbing

    Mobbing führt zu einer sehr gravierenden negativen psychischen Belastung am Arbeitsplatz. Allgemein wird Mobbing als häufiges oder über einen längeren Zeitraum anhaltendes negatives kommunikatives Handeln bezeichnet. Es richtet sich überwiegend gegen eine Person und kann durch eine oder mehrere Personen erfolgen.

    Die Ursachen für Mobbing liegen häufig in ungelösten Konflikten oder einer mangelhaften Kommunikation zwischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern oder Führungskräften. Undefinierte Verantwortlichkeiten oder ungerechtes Führungsverhalten können Mobbing ebenfalls begünstigen.

    Im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung lässt sich herausfinden, welche präventive Maßnahmen gegen Mobbing getroffen werden können.

    Wichtig ist es auf jeden Fall, bei einer Mobbing-Anzeige angemessen und zielführend auf den Vorfall bzw. die Vorfälle zu reagieren

    Psychische Belastung am Arbeitsplatz: Das sagt der deutsche Gesetzgeber

    Das Thema “psychische Belastung am Arbeitsplatz” hat in viele verschiedene Gesetzestexte und Regelwerke Einzug erhalten. Hierzu gehören:

    • Die Definitionen der WHO: Die WHO betrachtet Gesundheit als Zustand des vollkommenen körperlichen, sozialen und geistigen Wohlbefindens.
    • Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG): Nach dem ArbSchG müssen Arbeitgeber u.a. Maßnahmen zur menschengerechten Gestaltung der Arbeit einführen und die Arbeit so gestalten, dass eine Gefährdung für Leben und Gesundheit möglichst vermieden wird.
    • Maschinenrichtlinie (MRL): Demnach sollen u.a. Ermüdung und psychische Belastung beim Bedienen von Maschinen auf ein Minimum reduziert werden.
    • Bildschirmarbeitsverordnung (BildscharbV): Gemäß dieser Richtlinie müssen Arbeitgeber bei der Gestaltung von Arbeitsplätzen nicht nur Ergonomie, sondern auch mögliche psychische Belastungen ermitteln und beurteilen.
    • Betriebsverfassungsgesetz: Demnach muss der Betriebsrat gemeinsam mit dem Arbeitgeber darauf achten, dass die Arbeit menschengerecht gestaltet wird.

    In der Praxis wird darüber hinaus mit der Lastenhandhabungsverordnung, der Arbeitsmittelbenutzungsverordnung, der PSA (Persönliche Schutzausrüstung) sowie der Arbeitsstättenverordnung und dem Arbeitszeitgesetz auf die psychische Belastung von Arbeitnehmern geachtet. Hier sollten auf keinen Fall die gesetzlichen Vorschriften missachtet werden, denn die Stressfaktoren durch Arbeitsschutzmangel können zu dauerhaften Fehlbelastungen führen.

    Gefährdungsbeurteilung: Der Ausgangspunkt für effektiven psychischen Arbeitsschutz

    Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber sind im Rahmen des Arbeitsschutzes zur Gefährdungsbeurteilung verpflichtet. Demnach ist es für jeden Betrieb erforderlich, mögliche Gesundheitsgefahren zu identifizieren und geeignete Maßnahmen zur Prävention oder Beseitigung durchzuführen – Stichwort: psychischer Arbeitsschutz. Die Gefährdungsbeurteilung betrifft dabei nicht nur die psychische Belastung, sondern auch mögliche körperliche Gefahren.

    Die Gefährdungsbeurteilung wird in Paragraph 5 des Arbeitsschutzgesetzes definiert. Laut Absatz 1 hat “der Arbeitgeber […] durch eine Beurteilung der für die Beschäftigten mit ihrer Arbeit verbundenen Gefährdung zu ermitteln, welche Maßnahmen des Arbeitsschutzes erforderlich sind […] Eine Gefährdung kann sich insbesondere ergeben durch […] psychische Belastungen bei der Arbeit.”

    Zunahme psychischer Erkrankungen
    © Willyam Bradberry – Shutterstock

    Während Arbeitgeber zur Durchführung einer Gefährdungsbeurteilung per Gesetz verpflichtet sind, gibt es für die Art und Weise der Durchführung keine Vorgaben. Wichtig ist, dass Firmen eine solche Beurteilung überhaupt vornehmen, um daraus geeignete Maßnahmen zur Prävention ableiten. Darüber hinaus gibt es bis dato keinen einheitlichen Standard zur Durchführung der Gefährdungsbeurteilung. Die Art der Datenerhebung erfolgt von Unternehmen zu Unternehmen auf unterschiedliche Weise. Hilfe finden Firmen meist bei den jeweiligen Unfallversicherungsträgern. Sie können Empfehlungen abgeben oder Unternehmen mit Informationsmaterial weiterhelfen.

    Wie kann eine Gefährdungsbeurteilung zu psychischen Belastungen ablaufen?

    Um eine Gefährdungsbeurteilung durchzuführen, müssen zunächst die Verantwortlichkeiten geklärt werden. Betriebe mit mehr als 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern müssen einen Arbeitssicherheitsausschuss bilden. Dieser ist in der Regel für die Durchführung der Gefährdungsbeurteilung zuständig.

    1. Schritt: Planung und Vorbereitung der Gefährdungsbeurteilung. An dieser Stelle können sich die Betroffenen Gedanken über die Art der Erhebung und das dafür angewandte Verfahren machen.
    2. Schritt: Klassifizierung der Arbeitsbereiche bzw. Arbeitsaufgaben. Untergliederung in Arbeitsorganisation, Arbeitsinhalt, Arbeitsmittel, Arbeitsumgebung und soziale Beziehungen.
    3. Schritt: Erfassen der Belastungsfaktoren. Hier bieten sich verschiedene Verfahren an. So kann die Erhebung durch Mitarbeitergespräche erfolgen oder anonymisiert per Fragebogen.
    4. Schritt: Beurteilung der erfassten Belastungen und Prüfung, ob entsprechende Maßnahmen erforderlich sind oder nicht. Die Evaluation kann in moderierten Kleingruppen erfolgen. Die Einzelergebnisse werden dann zusammengetragen.
    5. Schritt: Entwickeln von geeigneten Maßnahmen.
    6. Schritt: Umsetzung der aufgestellten Maßnahmen.
    7. Schritt: Evaluation der durchgeführten Maßnahmen.
    8. Schritt: Dokumentation der gesamten Aktionen zur Vermeidung von psychischen Belastungen.

    Checkliste Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen

    1. Gefährdungsbeurteilung in bestehende Organisation und Strukturen einbinden
    2. Belastungen mit wissenschaftlich geprüften Verfahren messen
    3. Alle Beschäftigten an der Erhebung beteiligen
    4. Die Beschäftigten über den aktuellen Stand der Gefährdungsbeurteilung informieren
    5. Datenschutz und Anonymität beachten
    6. Maßnahmen für Kleingruppen entwickeln
    7. Führungskräfte für Verantwortung sensibilisieren und qualifizieren
    8. Umsetzung von Maßnahmen überprüfen

    Psychische Gefährdungsbeurteilung: So lassen sich Gefährdungen für die Psyche der Beschäftigten ermitteln

    Psychische Belastung bei der Gefährdungsbeurteilung messen ist nicht so einfach, denn anders als z. B. bei Lärm oder Staubbelastungen gibt es kaum objektive Messwerte oder gar physikalisch messbare Grenzwerte.

    Nur durch Gespräche mit Mitarbeitern, Befragungen und der Beobachtung der Arbeitssituation lässt sich eine eventuelle Fehlbelastung ermitteln. Meist ist es sogar ein konkreter Anlass, der signalisiert, dass die Beschäftigten einer besonderen Belastungssituation ausgesetzt sind.

    Messbare Indikatoren dafür sind z. B.

    • Krankenstand,
    • Fluktuation,
    • Fehlerquote,
    • Überlastungsanzeigen,
    • Qualitätsprobleme,
    • mangelnde Kommunikation,
    • häufige Konflikte
    • oder Mobbingfälle.

    Die psychische Gefährdungsbeurteilung sollte für jede Abteilung bzw. jeden Bereich relevanten Kennzahlen erhoben und verglichen werden. Am besten wird Matrix, die anzeigt, wo es hinsichtlich der Psyche Handlungsbedarf gibt.

    Um Belastungsquellen am Arbeitsplatz finden, ist es ratsam sich auf folgende Bereiche zu konzentrieren:

    1. Anforderungen durch die Aufgabe z. B. Verarbeitung von Informationen (Anzahl und Art der zu entdeckenden Signale, Ziehen von Schlüssen aus unvollständigen Informationen, Entscheidungen zwischen alternativen Handlungsweisen)
    2. Physikalische Bedingungen z. B. Lärm (Schalldruck, Frequenz)
    3. Soziale Organsiationsfaktoren z. B. Betriebsklima (persönliche Akzeptanz, zwischenmenschliche Beziehungen)
    4. Gesellschaftliche Faktoren (außerhalb der Organisation) z. B. kulturelle Normen (akzeptable Arbeitsbedingungen, Werte, Normen)

    Psychische Belastung am Arbeitsplatz: Präventive Maßnahmen

    Büroangestellten sollte ermöglicht werden, mindestens 2 Stunden ihrer täglichen Arbeitszeit nicht im Sitzen zu verbringen. Der Arbeitsalltag sollte variieren zwischen Sitzen, Stehen oder Gehen. Noch besser wären 4 Stunden Bewegung während der Arbeit, schreibt das Team um John Buckey von der University of Chester in einer wissenschaftlichen Stellungnahme.

    Um diese Verhalten beim Arbeitnehmer zu erzielen, sollten Arbeitgeber das passende Umfeld schaffen! Die folgenden Beispiele zeigen, wie sich mehr Bewegung und weiter präventive Maßnahmen in den Arbeitsalltag intgrieren lässt.

    Psychischer Belastung präventiv begegnen: Unsere Beispiele

    Bewegung

    1. Arbeitnehmer sollten sich in den Pausen bewegen und nicht am Arbeitsplatz essen, sondern die Möglichkeit haben, zum Beispiel in eine Abteilungsküche zu gehen.
    2. Es empfiehlt sich, dass der Arbeitsplatzdrucker so weit wie möglich außerhalb der Sitzreichweite der Arbeitnehmer aufgestellt wird. Auch möglich ist die Schaffung einer Kopierer-/Druckerinsel, zu der sich Arbeitnehmer begeben müssen, um einen Ausdruck zu holen.
    3. Individuell lassen sich sogar am Arbeitsplatz selbst Bewegungen einbauen. So können die Papierkörbe in die andere Ecke des Raums platzieren, um die Arbeitnehmer zur Bewegung zu animieren.
    4. Sitztrainer (z. B. Sitzballkissen) oder Pedalen, um die Muskulatur zu stimulieren und Verspannungen zu lösen, sind eine gute Möglichkeit, um Stress zu reduzieren.
    5. Konferenzräume, Küchen und Toiletten sollten auf eine andere Etage als die, auf denen sich die Arbeitsplätze befinden. Sofern dies baulich möglich ist.
    6. Aufzugsnutzung reduzieren: Zum Beispiel, indem der Aufzug so langsam eingestellt wird, dass ungeduldige Aufzugfahrer freiwillig die Treppe nehmen. Denkbar ist auch eine Betriebsregelung, dass die Mitarbeiter den Aufzug nur beim Transport schwerer Gegenstände oder bei einer Gehbehinderung benutzen dürfen.
    7. Es sollte eine Software eingesetzt werden, die den Arbeitnehmer dazu animiert, zu bestimmten Zeiten Bewegungsübungen zu absolvieren. Der Bildschirmschoner „Pauls Schreibtisch Übungen“ wurde speziell vom Bundesministerium für Gesundheit entwickelt. Dieser bietet 5 unterschiedliche Übungen, um etwas Bewegung in den Alltag zu integrieren!
    8. Auf einen Arbeitsplatztisch kann auch bei Bedarf ein Stehpult-Aufsatz gestellt werden. Dieser bietet zumindest die Möglichkeit des stehenden Arbeitens, ohne dass zu große Kosten entstehen.
    9. Ein höhenverstellbarer Tisch ist natürlich die beste Lösung. Den Tisch kann unter Umständen die Krankenkasse bei chronischen Schmerzen subventionieren.

    Wertschätzende Kommunikation

    1. Psychische Belastungen entstehen oft, wenn der Mitarbeiter den Eindruck hat, dass er mit aktuell schwierigen Rahmenbedingungen allein gelassen wird. Deshalb: Die Belegschaft sollte regelmäßig darüber informiert werden (Aushang oder im Rahmen von Veranstaltungen), dass dieses Thema einen hohen Stellenwert im Unternehmen hat oder dass dabei etwas passiert.
    2. Auch die Einführung eines betrieblichen Vorschlagwesens – und vor allem der regelmäßige Hinweis darauf – führt fast automatisch dazu, dass Frust und innere Kündigung nicht aufkommen.
    3. Bewährt hat sich in diesem Zusammenhang auch die Installation des „Kummerkastens“. Dieser Briefkasten ist eine Möglichkeit, seine Beschwerden oder auch Beobachtungen mitzuteilen. Gleichzeitig wird das Signal gesetzt, dass das Feedback der Mitarbeiter gewünscht ist.
    4. Anerkennung ist das beste Mittel, um die Psyche am Arbeitsplatz positiv zu beeinflussen. Es ist ratsam dafür zu sorgen, dass es eine Kultur der gelebten Anerkennung in der Firma gibt, in dem z.B. regelmäßig Mitarbeiter vorgestellt und/oder ausgezeichnet werden, die sich besonders verdient haben.
    5. Viele belastende Faktoren entstehen dadurch, dass die Mitarbeiter untereinander zu wenig oder sehr einseitig kommunizieren. Die Zusammenarbeit sollte gefördert werden, indem Rahmenbedingungen geschaffen werden, die dazu führen, dass man sich zu Geburtstagen gegenseitig gratuliert, gemeinsame Ausflüge macht und die Möglichkeit erhält, sich mit den Mitarbeitern auch einmal privat auszutauschen.
    6. Eine gute Präventionsmaßnahmen vor allem bei psychischer Belastung im Handwerk, den Führungskräften sollte bewusst gemacht werden, dass der betriebliche Erfolg zwar wichtig ist, aber nicht über dem Menschen steht. Ein guter und arbeitnehmerorientierter Führungsstil ist das A und O.
    7. Kürzere Nachrichten im Intranet: Durch die Einführung sogenannter “EdN-Mails” müssen Mails nicht mehr geöffnet werden und die Belastung durch zu viele Mails pro Tag sinkt. Bei EdN-Mails wir die Nachricht direkt in die Betreffzeile geschrieben. Am Ende steht “EdN”, was “Ende der Nachricht” bedeutet.

    Individual-Lösungen & Flexibilität

    1. Maßnahmen zum Lärmschutz: In einem Unternehmen mit mehreren Großraumbüros war die Lärmbelastung zu hoch. Aus diesem Grund werden kleinere Abteilungen eingerichtet und mit Schallschutzfenstern ausgestattet. Als präventive Maßnahmen wird festgelegt, dass bei weiteren Umbauten insbesondere auf den Lärmschutz geachtet wird.
    2. Angebot von regelmäßigem Essen: Um Beschäftigten die Möglichkeit eines warmen Mittagessens zu schaffen, können Betriebe Kooperationen mit anderen Kantinen in der näheren Umgebung starten. Auf diese Weise haben Beschäftigte nicht nur die Gelegenheit, zu essen, sondern sie können sich auch mit Menschen aus anderen Abteilungen und Unternehmen austauschen.
    3. Spezielle Arbeitsräume: Um zu berücksichtigen, dass manche Beschäftigte für spezielle Arbeitsschritte eine besonders ruhige Arbeitsumgebung für eine bessere Konzentration benötigen, können Firmen zum Beispiel ein “stilles Büro” einrichten, in welchem Telefon und Handy tabu sind.
    4. Arbeitsorganisation: Durch die Einführung eines Drei-Schicht-Betriebs ist es möglich, dass Mitarbeiter sich je nach Schicht tagsüber auch um andere Dinge, Privates oder um Weiterbildungen kümmern können.
    5. Flexible Arbeitszeiten plus definierte Wochenarbeitszeit: Mit diesem Arbeitszeitmodell haben Beschäftigte die Möglichkeit, sich ihre Arbeitszeit innerhalb einer Arbeitswoche selbst einzuteilen. Auf diese Weise bleibt ihnen Zeit für dringende Arztbesuche, Hobbys oder für ihre Kinder. Der notwendige Rahmen wird mit einer verpflichtenden Wochenarbeitszeit gegeben.
    6. Videotelefonate: Um stressige Dienstreisen oder lange Fahrten zu vermeiden, können Unternehmen mit mehreren Standorten Videokonferenzen einführen. Dadurch erzielen Firmen nicht nur eine Reduktion der psychischen Belastung, sondern sie sparen zusätzlich Kosten und schonen die Umwelt.
    7. EAP: Größere Unternehmen setzen vermehrt auf sogenannte “Employee Assistance Programme”. Dabei handelt es sich um einen Beratungsservice, der Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bei beruflichen oder auch privaten Problemen weiterhilft. Da die EAP von externen Unternehmen durchgeführt werden, sind diese objektiv und neutral.

    Wissenswert: Die genannten Beispiele sind nur ein kleiner Auszug der Präventionsmaßnahmen, die dabei helfen können, die psychische Belastung der Arbeitnehmer nachhaltig zu reduzieren.

    Betriebliches Gesundheitsmanagement: Eine effektive Lösung bei psychischer Belastung am Arbeitsplatz

    Sinnvolle und nachhaltige Prävention hat eine entscheidende Wirkung auf die psychische sowie physische Gesundheit von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Die Basis schaffen Unternehmen mit betrieblichem Gesundheitsmanagement (BGM). Es umfasst Maßnahmen und Methoden, um die Gesundheit aller Beteiligten im Betrieb zu verbessern und zu erhalten. Die Bandbreite an Möglichkeiten reicht von regelmäßigen Workshops und Seminaren bis hin zur Anschaffung von ergonomischem Mobiliar.

    Der große Vorteil des BGM besteht darin, dass es sich in Unternehmen jeglicher Größe ein- und durchführen lässt.

    Autor: Redaktion Safety Xperts