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Barrierefreiheit statt behindertengerecht: Damit Inklusion allen Mitarbeitern weiterhilft

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Barrierefreiheit

Wenn Mitarbeiter mit gesundheitlichen Einschränkungen in das Arbeitsleben integriert werden sollen, müssen Arbeitsstätten und Arbeitsplätze an deren spezifische Bedürfnisse angepasst werden. Welche Kriterien für barrierefreie Arbeitsplätze gelten und wie Sie in Ihrem Unternehmen den hohen Aufwand für Nachbesserungen senken, zeigt dieser Beitrag. Sie erfahren, wie Sicherheit und Komfort für alle Mitarbeiter steigen und wie das Unternehmen profitiert, wenn Arbeitsplätze bereits präventiv barrierefrei eingerichtet werden.

Seit die UNO 2006 ihre Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung verabschiedet hat, werden die Begriffe „Inklusion“ und „Barrierefreiheit“ immer bekannter. Deutschland hat sich der Konvention angeschlossen. Denn schon seit 1993 fordert Artikel 3 des Grundgesetzes (GG): „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“ Dies ist verfassungsrechtlicher Auftrag und Verpflichtung zugleich. Und mit der Arbeitsstättenverordnung (ArbStättV) wurde bereits 2004 auch ein Rechtsanspruch auf Barrierefreiheit am Arbeitsplatz begründet.

Das fordert die ArbStättV zur Barrierefreiheit

Menschen mit Behinderungen haben einen Anspruch auf Arbeitsstätten, die so eingerichtet und betrieben werden, dass ihre besonderen Bedürfnisse bei Sicherheit und Gesundheitsschutz berücksichtigt werden. So schreibt es die Arbeitsstättenverordnung vor. Konkret betrifft das die barrierefreie Gestaltung von Arbeitsplätzen, Türen, Verkehrswegen, Fluchtwegen, Notausgängen, Treppen, Orientierungssystemen, Waschgelegenheiten und Toilettenräumen (§ 3a Abs. 2 ArbStättV). Diese Forderungen gelten zunächst für Neubauten und bei wesentlichen Erweiterungen und Umbauten bzw. wenn Arbeitsverfahren oder Arbeitsabläufe wesentlich umgestaltet werden.

Was Barrierefreiheit für Unternehmen bedeutet

Doch wie steht es um die Erfüllung dieses Auftrags aus dem Grundgesetz? Und was heißt eigentlich behindert sein – wann greifen für Arbeitgeber also die Forderungen der ArbStättV? Behindert sein bedeutet zunächst einmal lediglich, ein nicht altersgemäßes länger dauerndes Handicap in der körperlichen Funktion, geistigen Fähigkeit oder seelischen Gesundheit zu haben.

Behindert sein wird für die Betroffenen erst dann zu einem Problem, wenn dadurch die Chancen eingeschränkt werden, am gesellschaftlichen Leben – also auch an der Arbeitswelt – teilzuhaben. Die Redewendung „Behindert ist man nicht, behindert wird man“ bringt das ganz deutlich zum Ausdruck.

Behindert sein sagt nichts aus über Qualifikation, Motivation und Leistungsfähigkeit eines Menschen.

Über 84 % der Behinderungen treten im Laufe des Lebens durch Krankheiten und Unfall ein.

Warum sollen diese Menschen an einem richtig eingerichteten Arbeitsplatz nicht genauso einsatzfähig sein? Schwerbehinderte und ältere Menschen sind nicht schlechter qualifiziert. Manchmal ist ihre Qualifikation sogar besser und sie bringen besondere Erfahrungen und Fähigkeiten mit. Statistiken zeigen, dass schwerbehinderte Menschen auch nicht häufiger krank sind. Dafür sind sie häufig leistungsbereiter als nichtbehinderte Menschen. Und doch sind behinderte Menschen in vielen Bereichen des täglichen Lebens benachteiligt.

An Berufskrankheiten erkrankte Mitarbeiter oder Opfer von Arbeitsunfällen erhalten Unterstützung von den gesetzlichen Unfallversicherungsträgern. Deren Aufgabe ist es, unfallverletzte Versicherte umfassend zu rehabilitieren und ihnen mit allen geeigneten Mitteln eine Wiedereingliederung zu ermöglichen. Berufsgenossenschaften und Unfallkassen unterstützen und eröffnen damit vielen behinderten Menschen neue Perspektiven. Der Weg ist nicht immer einfach. Bis heute sind das Einverständnis der Arbeitgeber und die Zustimmung der anderen Mitarbeiter nicht immer selbstverständlich.

Umso wichtiger, dass Sie schon auf die Umsetzung von Barrierefreiheit in Ihrem Unternehmen achten, bevor benachteiligte oder unfallverletzte Mitarbeiter wieder in den Betrieb zurückkehren

Warum Barrierefreiheit ein Fall für den Arbeitsschutz ist

Der Arbeitsschutz hat sich mit diesen Problemen in der Vergangenheit kaum befasst. In einer Studie im Auftrag des Hauptverbands wird hierzu festgestellt, dass lediglich jede fünfte Fachkraft für Arbeitssicherheit es als ihre Aufgabe betrachtet, bei der Umsetzung des Schwerbehindertenrechts mitzuwirken. Diese Aufgabe wird durchweg nicht als Präventions-, sondern als Rehabilitationsleistung verstanden, damit das für „normale“ Mitarbeiterinnen „normal“ gestaltete Arbeitsumfeld auch Beschäftigten mit besonderen Bedürfnissen genügt.

Ein weit verbreitetes Vorurteil

Wenn Sie auch davon überzeugt sind, dass die besonderen Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen in unserer Arbeitswelt nicht von vornherein und grundsätzlich berücksichtigt werden können, sind Sie nicht allein. Weit verbreitet ist in unserer Gesellschaft die Ansicht, dies sei wirtschaftlich nicht vertretbar, technisch nicht realisierbar und würde auch die Betroffenen unzumutbar überfordern.

Diese Grundeinstellung finden Sie auch in der Arbeitswissenschaft, der Sicherheitstechnik und der Ergonomie. Diese Wissenschaften befassen sich traditionell mit den Leistungsmöglichkeiten und -grenzen des arbeitenden Menschen sowie der bestehenden wechselseitigen Anpassung zwischen dem Menschen und seinen Arbeitsbedingungen.

Ganz bewusst und nachvollziehbar berücksichtigt die Arbeitswissenschaft beispielsweise Personen unter 14 und über 65 Jahren grundsätzlich nicht. Grundlage arbeitswissenschaftlicher Forschung stellen empirische Untersuchungen der Fähigkeiten und Eigenschaften beruflich tätiger Menschen dar. Ergonomie-Normen beschränken deshalb den betrachteten Bereich auf den großen „Mittelwert“ des untersuchten Kollektivs. Durch diese Methodik der Arbeitswissenschaft ergibt sich zwingend, dass Personen mit physischen Einschränkungen nicht berücksichtigt werden können. Diese Randbedingungen der Arbeitswissenschaft bestimmen die heute übliche Gestaltung von Arbeitsstätten, Arbeitsplätzen und Arbeitsmitteln.

Amerikaner als Vorreiter: Ende der Sonderbehandlung

Aber die Zeiten haben sich geändert. Behinderte und ältere Menschen lassen sich nicht mehr so leicht in die Isolation drängen. Menschen, deren Eigenschaften und Fähigkeiten außerhalb der von den Arbeitswissenschaften berücksichtigten Bandbreite liegen, also Menschen mit besonderen Bedürfnissen, möchten wie alle am normalen Leben teilhaben: So haben sich neben der Arbeitswissenschaft spezielle wissenschaftliche Zweige etabliert. Von kindgerechter, kindgemäßer bis zur alten- und altersgerechten Gestaltung einschließlich der Rehabilitation werden Techniken, Spezialprodukte und Hilfsmittel entwickelt, die die Kluft überbrücken sollen, die heute noch zwischen der nach arbeitswissenschaftlichen Kriterien gestalteten Umwelt und nicht „normalen“ Eigenschaften und Fähigkeiten besteht.

Prinzip der „Nachbesserung“ schafft neue Probleme

Werden Arbeitsstätten und Arbeitsplätze an die besonderen Bedürfnisse der behinderten Personen angepasst, entsteht ein erheblicher Aufwand. Und selbst wenn große Summen in einen Umbau gesteckt werden, die Beteiligten sich flexibel zeigen und engagieren, lässt sich nicht immer verhindern, dass die Inklusion nur unvollständig gelingt. Es entstehen Spezialarbeitsplätze, die ausschließlich von den Betroffenen genutzt werden können. Bei Krankheit oder im Urlaub ist keine Vertretung möglich. die Mitarbeiter mit Behinderungen können Arbeitsplätze anderer Mitarbeiter nicht vertretungsweise besetzen. Das verursacht zusätzlichen organisatorischen Aufwand und stigmatisiert leider immer noch.

Die Vereinigten Staaten von Amerika sahen sich, unter anderem wegen ihres anderen sozialen Systems, bereits in den 1970er Jahren gezwungen, die bis dahin auch dort übliche Sonderbehandlung von Menschen mit besonderen Bedürfnissen grundsätzlich zu überdenken. So entstanden „Accessible Design“ bzw. „Universal Design“. Dieses „Extending Standard Design“ ist eine Weiterentwicklung ergonomischer Erkenntnisse: Mit diesen Gestaltungsprinzipien wird die Zahl der möglichen Nutzer so weit wird möglich gefasst. Das ist ein grundsätzlich anderer Ansatz als bei einer speziellen Ergonomie für behinderte Menschen.

WICHTIG
Dabei zielen die Entwickler bewusst nicht wie mit einem „Design for all“ auf alle Menschen. Sie konzentrieren sich auf „most users“ und „potential customers“. Ein Mensch ist dann als potenzieller Endverbraucher bzw. Nutzer anzusehen, wenn es grundsätzlich sinnvoll ist. Im Arbeitsleben sind Personen dann zu berücksichtigen, wenn sie grundsätzlich zur Ausführung einer Tätigkeit befähigt sind, beziehungsweise diese Fähigkeiten nachweisen, und nicht aufgrund von Schutzbestimmungen oder Ähnlichem von einer Nutzung auszuschließen sind. Im deutschsprachigem Raum wurden diese Gestaltungsprinzipien bekannt unter dem Begriff „barrierefrei“.

Diese 7 positiven Effekte sprechen für Barrierefreiheit

Barrierefreie Gestaltung führt Erkenntnisse der Arbeitswissenschaften mit denen der Rehabilitation zusammen. Damit werden die Bedürfnisse sowohl der nicht behinderten als auch der behinderten Nutzer von Gebäuden und Arbeitseinrichtungen berücksichtigt.

Dieser Ansatz wird in der Praxis umgesetzt durch

  • eine Gestaltung, die sicherstellt, dass das Gebäude/ Arbeitsmittel ohne zusätzliche Veränderung von den meisten Nutzern sicher, selbstbestimmt und eigenverantwortlich genutzt werden kann,
  • Anpassungen eines Gebäudes/Produktes an die Bedürfnisse verschiedener Nutzer und
  • standardisierte Schnittstellen für die Anwendung individueller Hilfsmittel.

Dieser Ansatz erzeugt 7 positive Effekte, die Sie auch in Ihrem Unternehmen nutzen können. Denn Barrierfreiheit erweitert das Nutzerspektrum von Produkten, Gebäuden oder eben Arbeitsplätzen entscheidend:

  1. Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen können ein Produkt, Gebäude oder einen Arbeitsplatz erstmalig nutzen.
  2. Für die bisherigen Nutzer wird die Handhabung einfacher, sicherer, komfortabler.
  3. Arbeitsuchenden mit Behinderungen werden neue Tätigkeitsfelder und Arbeitsmöglichkeiten eröffnet.
  4. Für „Leistungsgewandelte“ bleiben mehr Tätigkeiten als bisher erhalten.
  5. Eine alters- oder altengerechte Gestaltung wird Bestandteil der allgemeinen Gestaltung.
  6. Die Tätigkeiten werden für alle Mitarbeiter unfallsicherer und belastungsärmer.
  7. Alle Arbeitsplätze werden effektiver und wirtschaftlicher.

Ihre Aufgaben als Arbeitssicherheitsverantwortlicher

Unternehmen können es sich heute eigentlich nicht mehr leisten, auf diese Effekte zu verzichten: Dafür sorgen die demografische Entwicklung, der drohende Fachkräftemangel, aber auch – und das ist Ihr Stichwort als Sifa – Fragen der Arbeitssicherheit.

Das Ziel sollte sein: „Keine Barriere für niemanden“. Unsere Umgebung, auch die Arbeitsumgebung, ist auf „Otto Normalverbraucher“ zugeschnitten – einen Durchschnittstypen, den es gar nicht gibt. Jeder Mensch lebt mit bestimmten Abweichungen von der Norm, die ihn gelegentlich einschränken – ist zu groß, zu dick, hat mal ein Gipsbein. Unser gesamter Lebensraum ist beschränkt, sodass vielen Menschen – nicht nur denen mit einer bescheinigten Schwerbehinderung – der Zugang zu Arbeitsplätzen und einem eigenständigen Leben erschwert wird. Diese Barrieren gilt es zu beseitigen.

Als Sifa ermitteln Sie die Gefährdungen für Arbeitsplätze in Ihrem Unternehmen. Dabei prüfen Sie üblicherweise, ob die Belastungen, denen Beschäftigte ausgesetzt sind, im Normbereich liegen und somit vertretbar sind. Beanspruchungen ergeben sich zum einen aus technischen und organisatorischen Gegebenheiten, zum anderen aber auch aus den Wechselwirkungen des Menschen mit seiner Arbeitsumgebung. Hier spielen die individuellen Voraussetzungen eine Rolle – sie können die Arbeitsbedingungen erheblich beeinflussen. So kann ein eingeschränktes Sehvermögen für einen Mitarbeiter zu einer belastenden Arbeitssituation führen, geradeso wie die schlechte Beleuchtung einen gesunden Mitarbeiter einschränkt.

WICHTIG
Die Belastungen durch die Arbeitsbedingungen können Sie als Sifa gut beurteilen. Wenn es aber um persönliche gesundheitliche Einschränkungen von Mitarbeitern geht, müssen Sie auf jeden Fall den Betriebsarzt oder einen Arbeitsmediziner zurate ziehen.

2 Instrumente zur Beurteilung der Barrierefreiheit

Mit einer Begehung von Arbeitsplätzen unter ergonomischen Gesichtspunkten erkennen Sie die jeweiligen Beanspruchungen. Arbeitsabläufe und die Gestaltung des Arbeitsplatzes in Bezug zu den Fähigkeiten und gesundheitlichen Einschränkungen eines Mitarbeiters stehen im Fokus, wenn Sie Barrieren erkennen und beseitigen wollen. Dabei können Sie 2 Instrumente nutzen, die von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) zur Bewertung von Arbeitstätigkeiten entwickelt wurden:

  • SIGMA – Screening-Instrument zur Bewertung und Gestaltung von menschengerechten Arbeitsplätzen und
  • BASA – Bewertung von Arbeitsbedingungen, Screening für Arbeitsplatzinhaber

SIGMA wendet sich vorrangig an betriebliche Arbeitsschutzexperten. Es ist also für Sifas und Betriebsärzte entwickelt, die bereits Erfahrung in der Bewertung von Arbeitstätigkeiten nach arbeitswissenschaftlichen und arbeitspsychologischen Kriterien mitbringen. BASA ist als Befragungsinstrument für die Mitarbeiter an den Arbeitsplätzen konzipiert.

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Autor: Klaus Buhmann

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